„Farid Guendoul, verblutet am 13. Februar 1999“ steht darauf und „Mahnung gegen Rassismus, gegen Gewalt, gegen Fremdenfeindlichkeit“. Etwas kleiner darunter eingraviert der erste Satz des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Stein und Platte zeigen deutliche Verwitterungsspuren. Im spärlichen Efeu daneben hat sich welkes Laub verfangen. In der Einfassung mit Rasenkantensteinen wuchert Gras.

Der Stein, auf Initiative der Gubener Antifa vor zehn Jahren aufgestellt und ein Jahr später mit neuer Aufschrift durch die Stadt offiziell gewidmet, soll an den Tod eines jungen Algeriers erinnern, der unter dem Namen Omar Ben Noui in Guben als Asylbewerber lebte. Er starb mit aufgeschnittener Beinschlagader im Treppenhaus eines Neubaublocks in der Hugo-Jentsch-Straße. In Todesangst auf der Flucht vor rechtsradikalen Jugendlichen hatte er sich die tödliche Verletzung zugezogen.

Der Häuserblock stand auf der anderen Seite der Straße, an der der Gedenkstein liegt, und ist inzwischen abgerissen worden. Dort, wo schockierte Gubener am Tag nach der Tat vor dem Hauseingang Blumen und Kerzen aufstellten, dehnt sich heute eine gepflegte Grünfläche der Stadt mit einem Kletterfelsen. Am 13. Februar, dem Todestag von Farid Guendoul, wird es an dem Gedenkstein eine Mahnwache geben. Vorher läuten die Kirchenglocken. Eine Initiative mit Vertretern vieler Organisationen und Institutionen in der Stadt, darunter viele Jugendliche, hat das organisiert.

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Es soll der Auftakt sein zu einem „Jahr der Erinnerung“, sagt Peter Stephan, Sprecher der Gruppe: „Mal sehen, wie viele Leute wir damit erreichen werden.“ Stephan ist parteilos und sitzt für die Linke im Stadtrat. Stadtverordnetenvorsteher Klaus-Dieter Fuhrmann (CDU) hatte vor zwei Wochen alle Fraktionschefs des Gremiums eingeladen, um mit ihnen über das traurige Jubiläum zu sprechen.

Einig sei man sich darin, die Initiative zu unterstützen. Der Blick soll dabei weniger auf das Ereignis damals gerichtet sein, als auf die Gegenwart. Seit der Kommunalwahl im vorigen Herbst sitzt ein NPD–Abgeordneter im Gubener Stadtrat. „Wir wissen, dass es in Guben eine rechtsradikale Szene gibt“, sagt Fuhrmann. Er war es auch, der beim Neujahrsempfang der Stadt den zehnten Todestag des Algeriers öffentlich ansprach.

Der Zustand des Gedenksteins macht ihn betroffen. Der Stadtverordnetenvorsteher hatte sich 2001 dafür ausgesprochen, den Stein nach mehrfachen Schändungen in einen „geschützten Raum“ zu holen. Mit nur einer Stimme Mehrheit sprachen die Abgeordneten sich damals jedoch dagegen aus. Viele hofften, die Bürger der Stadt würden sich des Gedenkortes annehmen. Eine Weile hat das auch funktioniert, doch nicht dauerhaft. „In den vergangenen Jahren hat der Stein keine Rolle mehr gespielt“, räumt Fuhrmann ein. Erst jetzt habe man sich wieder darauf besonnen. Der zehnte Jahrestag des Todes des Algeriers sei ein guter Anlass, sich Gedanken zu machen, was damit werden soll, sagt Peter Stephan.

Was halten die Gubener von der Erinnerung an die Hetzjagd? Weiter auf der nächsten Seite.

Auf die Frage, was die Gubener wohl darüber denken, zuckt Stadtverordnetenvorsteher Fuhrmann die Schultern. „Die wollen sicher nicht wieder negative Schlagzeilen.“ Davon hatte die Stadt vor zehn Jahren deutschlandweit reichlich abbekommen. Zu viel, sagt Gottfried Hain, damals Bürgermeister in Guben. Dass sofort nach der Tat viele Gubener ihre Betroffenheit bei einer Demonstration zeigten, sei in der Berichterstattung untergegangen. „Das hat viele abgestoßen und es ihnen unmöglich gemacht, sich mit diesem Geschehen auseinanderzusetzen“, so Hain. Der Vorwurf, die eigene Stadt sei ein „braunes Nest“, habe bei vielen zu einer Verweigerungshaltung geführt.

Andererseits habe es auch zynische und irrationale Debatten gegeben, in denen versucht wurde, die Täter zu Opfern zu machen. Gravierende Fehler der Stadt, die so eine Tat begünstigt hätten, kann der ehemalige Rathauschef auch mit zehn Jahren Abstand nicht erkennen. „Wir hatten damals ein bedeutendes Netz an Jugend- und Sozialarbeit, aber zur harten rechten Szene haben wir keinen Zugang gefunden.“ Wo sich Leute entziehen, könne auch kein Einfluss genommen werden, so eine für ihn wichtige Lehre von damals.

Der Gedenkstein für den verbluteten Algerier hat in Hains Augen dann einen Sinn, wenn es ein Stein der Bevölkerung ist: „Aber wer identifiziert sich heute noch damit?“ Möglicherweise sei das Gedenken an den Algerier auch schwierig, weil er als Person „im Dunkeln“ bleibt. Man wisse in Guben kaum etwas über ihn, wer er war, warum er nach Deutschland kam.

Dem Wirt und seinem halben Dutzend Gästen, die an diesem Abend in der Gaststätte „Am Kletterfelsen“ Flaschenbier trinken, ist das auch egal. Die Kneipe ist ein Flachbau aus grauem Waschbeton mit viel braunem Holz im Innern, Faschingsgirlanden und Kunststoffblumen. Das Haus, in dem Farid Guendoul verblutete, stand nur einen Steinwurf entfernt. Die Männer am Biertisch sind arbeitslos oder Rentenempfänger und wohnen hinter den sanierten Fassaden der umliegenden Plattenbauten.

"Weg mit dem Gedenkstein", sagen die Anwohner. Mehr auf Seite 4

Für den toten Algerier haben sie kein gutes Wort übrig. Ein Asylbetrüger sei das gewesen, einer der ohne Not die angeblich offene Glastür eingetreten habe und der um diese Zeit ja sowieso im Asylheim hätte sein müssen. „Wenn ich nachts hier herumzigeunere, dann muss ich auch damit rechnen, dass ich mir was an den Hals hole“, fasst einer der Runde zusammen. Für den Gedenkstein gebe es hier im Viertel nur einen Wunsch: „Am besten einen großen Greifer dran und weg das Ding.“

Wegen des zehnten Jahrestages würde nun wieder „so ein Theater“ gemacht. Auffallend schweigsam ist Gubens Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP). Die Bitte um ein Gespräch mit der RUNDSCHAU bleibt unbeantwortet. In einer schriftlichen Erklärung zum „Tod eines Ausländers in Guben“ bedauert Hübner zuerst die Stadt, die in ein „extrem schlechtes Licht“ gerückt worden sei und erst dann den Toten. Völlig unerwähnt bleibt, wie der Algerier starb, von einem „Vorfall“ ist die Rede und von „tragischer Weise“. Ein Unfall eben, der auch jedem Gubener hätte passieren können.