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| 01:38 Uhr

Der Facebook-Kandidat

Gerald Heisig aus Eberswalde ist nun Bürgermeisterkandidat. Foto: Alexander Dinger
Gerald Heisig aus Eberswalde ist nun Bürgermeisterkandidat. Foto: Alexander Dinger FOTO: Alexander Dinger
Herzberg. Weil der Elbe-Elster Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen keinen Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in Uebigau-Wahrenbrück aufstellen kann, hat die Partei auf Facebook gesucht – und gefunden. Von Alexander Dinger

In seinem Leben hat Gerald Heisig schon viele Berufe gehabt. Er war Erzieher, Gärtner und Einzelhandelskaufmann für Naturkost. Und nun ist der 45-Jährige seit Dienstagabend auch noch Bürgermeisterkandidat von Bündnis 90/Die Grünen für die Wahl am 19. Juni in Uebigau-Wahrenbrück – eine Kleinstadt im Landkreis Elbe-Elster.

Zur Vorgeschichte: Heisig war einem Aufruf der Elbe-Elster-Grünen gefolgt. Weil der Kreisverband aus Mitgliedermangel keinen Kandidaten für die kommende Bürgermeisterwahl in Uebigau-Wahrenbrück aufstellen kann, hat deren Sprecher Klaus Peschel den vakanten Posten auf der Internet-Plattform Facebook beworben. Facebook ist mit derzeit 670 Millionen Mitgliedern das größte soziale Netzwerk im Internet. Allein in Deutschland nutzen die Internet-Plattform täglich 18 Millionen Menschen.

Insgesamt 30 Anfragen waren beim Kreisverband eingegangen. Darunter seien elf ernsthafte Bewerbungen gewesen. Sieben davon seien in die engere Auswahl gekommen. „Leute treffen sich nicht mehr in der Kneipe, sondern bei Facebook“, sagt Wahlkreismitarbeiter Mike Kess, der aus Berlin zur Kandidatenkür in das Restaurant „Kronprinz“ nach Falkenberg gekommen ist.

Von den sieben Auserwählten sind allerdings nur zwei Bewerber im „Kronprinz“ erschienen. Einer ist Michael Kollmeier aus Bernau. „Ich sehe das als Chance“, sagt der 33-Jährige. Der studierte Sozialpädagoge sei aus Zufall über das Angebot gestolpert. „Hier müssen die Grünen noch Pionierarbeit leisten“, sagt Kollmeier. Als Vorbereitung auf das Treffen habe er sich im Internet über die Region informiert. In Uebigau-Wahrenbrück war er noch nicht. Sollte er aber Bürgermeisterkandidat der Grünen werden, wolle er das nachholen.

In diesem einen Punkt hat sein Konkurrent Gerald Heisig einen entscheidenden Vorteil. Er war schon in Uebigau-Wahrenbrück. Auf dem Marktplatz habe er gesessen und sich sofort wohlgefühlt. „Dass ich mich hier noch nicht auskenne, ist kein Nachteil“, sagt Heisig. Die Eckpunkte seines Programms habe er schon ausgearbeitet. Da er derzeit Ökolandbau und Vermarktung in Eberswalde studiere, sei das Thema Landwirtschaft auch sein Steckenpferd. „Ökologischer Landbau ist ganz wichtig“, sagt Heisig. An zweiter Stelle komme eine nachhaltige Energiewirtschaft. „Wir müssen Uebigau-Wahrenbrück in Sachen Energieversorgung zukunftsfähig machen“, so Heisig.

Solche Ankündigungen nimmt der amtierende Bürgermeister von Uebigau-Wahrenbrück gelassen. Seit Jahren setzt sich Andreas Claus (parteilos) für die Klimaschutzregion Elbe-Elster ein. „An sich stört mich so eine Aktion nicht“, sagt Claus. Er könne allerdings die Aufregung um das Projekt nicht verstehen. „Entscheidend ist doch, ob hinter den ganzen Worthülsen etwas steckt. Kommunalpolitik ist mehr, als ein paar Schlagworte in den Raum zu werfen.“ Derzeit sind die Grünen nicht im Stadtparlament von Uebigau-Wahrenbrück vertreten. Mit gerade einmal neun Mitgliedern ist der Kreisverband einer der kleinsten in Deutschland und wahrscheinlich auch einer der erfolglosesten. Bei der Kreistagswahl 2008 erhielten die Grünen 1,3 Prozent der Stimmen. Auch bei den Bundes- und Landtagswahlen 2009 kamen die grünen Kandidaten nicht über die Vier-Prozent-Marke hinaus. „Das kann so nicht weitergehen“, sagt Vorsitzender Peschel, der auch die Idee zum Internet-Casting hatte.

Zur Kandidaten-Kür im „Kronprinz“ sind sechs der neun Kreisverbandsmitglieder anwesend. Die Dramatik liegt den ganzen Abend in der Luft. „Wenn es zu einem Patt kommt, müssen wir das ganze Prozedere wiederholen“, sagt Wahlkreismitarbeiter Kess. Nach einer dreistündigen Sitzung ist es schließlich soweit. Heisig wird einstimmig zum Bürgermeisterkandidaten gekürt. Sein Mitkonkurrent Kollmeier ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auffindbar. „Wahrscheinlich hat er geahnt, dass wir uns gegen ihn entschieden haben“, sagt Peschel. Wie es weitergeht? Erstmal müssen die Formalien geklärt werden. Noch diese Woche soll der Wahlvorschlag dem Wahlleiter vorgelegt werden. Danach soll es um Inhalte gehen. Noch wohnt Heisig allerdings in Eberswalde, was regelmäßige Treffen schwierig macht. „Dringende Sachen können wir über Facebook klären“, sagt er.