Der Mann im gut geschnittenen schwarzen Anzug kommt manchmal noch unerkannt in große Konferenzzentren. Vom heutigen Donnerstag an wird der neue Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, im fensterlosen Sitzungssaal des EU-Ministerrates sitzen. Dort halten die Staats- und Regierungschefs regelmäßig ihre Gipfeltreffen ab.

Es wird in Brüssel zum wiederholten Male um die Euro-Krise gehen. Die Nervosität steigt, denn viele Pfeile haben die Europäer nach den Fehlschlägen der vergangenen Krisentreffen nicht mehr im Köcher. Es wird – auch dieser Ausdruck ist nicht neu – um ein umfassendes Paket gehen, um die Öffentlichkeit und die Märkte zu beruhigen.

Der Italiener Draghi hat dabei laut Experten die Euro-Rettung in der Hand. Denn nur die Europäische Zentralbank kann kurzfristig mit Käufen die Lage auf den Anleihenmärkten entschärfen.

Draghi schlug den Staatenlenkern in der vergangenen Woche einen Deal vor, den sie jetzt annehmen müssen. Er forderte von den Euroländern einen neuen Haushaltspakt, um die Eurowährung glaubwürdiger zu machen. „Andere Elemente könnten folgen, aber die Reihenfolge ist entscheidend“, meinte er dann.

Diplomaten deuten diese kryptische Bemerkung so, dass Draghi bei einem neuen Fiskalpakt der Staaten durchaus bereit sei, mit den Mitteln seiner Bank zu helfen und die Krise einzudämmen. Schon der koordinierte Feuerwehreinsatz der vergangenen Woche von EZB und anderen Notenbanken zur Versorgung von Geldhäusern mit ausreichender Liquidität sei ein deutliches Signal für Handlungsbereitschaft gewesen.

So einfach das Tauschgeschäft Euro-Staaten und EZB auf den ersten Blick aussieht, so kompliziert ist es im Detail. Denn zum Ziel einer neuen Stabilitätsunion mit rechtsverbindlichen Regeln und automatischen Strafen für Defizitsünder führen viele Wege.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy wollen die EU-Verträge ändern, um die neuen Regeln festzuschreiben. Das ist ein zeitaufwendiges Verfahren, denn die Änderungen müssen in allen 27 Mitgliedstaaten gebilligt werden.

Schon beim Abendessen am Donnerstag wird es sich laut Diplomaten zeigen, ob der britische Premier David Cameron dieser großen Lösung zustimmt – oder ob die 17 Eurostaaten unter sich einen neuen Stabilitätsvertrag schließen müssen. Der Herr von Downing Street Nummer 10 stellte schon einmal fest, er werde keine Vertragsänderung unterschreiben, wenn darin keine Klausel zum Schutz der britischen Interessen enthalten sei.

Eine von EU-Gipfelchef Herman Van Rompuy vorgeschlagene Variante, nur das Protokoll 12 des EU-Vertrags zu ändern – dies würde keine Ratifizierung in den Staaten erfordern – wird von Berlin als eine „typische Brüsseler Trickkiste“ verworfen.

Der Ton in der Krise ist eher rau. „Merkozy“, wie das Duo Merkel/Sarkozy in Brüssel gern genannt wird, ist zudem dabei, dem diskreten Gipfelchef, dem Belgier Van Rompuy, das Heft aus der Hand zu nehmen. In Berlin wird schon vorsorglich angekündigt, vor, während oder nach der Brüsseler Spitzenveranstaltung sei wohl ein Euro-Gipfel nötig. In der Einladung Van Rompuys ist davon keine Rede. Diplomaten stellen sich schon auf lange Tage und Nächte in Brüssel ein – wieder einmal.