Jadwiga Kaczynska war vergangene Woche im Alter von 86 Jahren gestorben. Der Tod kam nicht überraschend. Aber mit der Mutter hat Kaczynski nach seinem Zwillingsbruder Lech, der 2010 beim Absturz der polnischen Präsidentenmaschine ums Leben kam, seine zweite und die womöglich entscheidende Bezugsperson verloren.

Medien in Warschau spekulieren bereits darüber, dass ein gebrochener Kaczynski der Politik bald den Rücken kehren könnte. Für ihre Söhne war Jadwiga Kaczynska Familienoberhaupt und Vertrauensperson zugleich.

1944 hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann Rajmund im Warschauer Aufstand gegen die Nazis gekämpft. Doch nach dem Krieg und der Geburt der Zwillinge 1949 arbeitete der Vater, ein Ingenieur, oft im Ausland.

"Mama hatte stets den größten Einfluss auf unsere Entscheidungen", berichtete der spätere Staatschef Lech Kaczynski einmal. Jadwiga Kaczynska galt als der ideologische Kopf der antikommunistisch, antideutsch und antirussisch, national und katholisch-konservativ gesinnten Familie. In diesem Geist betreibt Jaroslaw Kaczynski bis heute Politik.

Mit Lech auf dem Machtgipfel

Den Gipfel der Macht erklomm er gemeinsam mit seinem Bruder 2005, als die Polen Lech Kaczynski zum Präsidenten wählten. Wenig später gewann Jaroslaws nationalkonservative Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) die Parlamentswahl. 2006 übernahm der PiS-Chef in einer Koalition mit zwei rechtsextremen Parteien das Amt des Ministerpräsidenten.

Die Kaczynskis strebten den Aufbau einer neuen, einer Vierten Republik an: ein katholisch-patriotisch geprägtes Polen, das in Brüssel die nationale Karte spielte und in der Heimat Minderheiten wie Homosexuelle und Atheisten ausgrenzte.

Aus Angst vor alten Stasi-Seilschaften wollten die Kaczynskis in einem Lustrationsverfahren zudem die Bevölkerung durchleuchten lassen. Das aber ging selbst vielen konservativen Polen zu weit. Die PiS wurde 2007 abgewählt. Jaroslaw Kaczynski zog sich damals in eine ideologische Wagenburg zurück, in der er sich von postkommunistischen, deutschen und russischen Feinden umstellt sah.

Als der weniger radikal denkende Lech Kaczynski im April 2010 ausgerechnet im russischen Smolensk starb, zog Jaroslaw die Verteidigungslinien enger. Er kandidierte für die Nachfolge des Bruders im Präsidentenamt - und verlor, wie er auch 2011 die Parlamentswahl verlor. Kaczynski, dessen politisches Talent selbst seine schärfsten Gegner anerkennen, hat nach 2005 keine Wahl mehr gewonnen.

Mit Andersdenkenden in der Partei rechnete er wiederholt ab und verbannte sie aus der PiS. Seit der Tragödie von Smolensk vor bald drei Jahren trägt Kaczynski Trauer. Er geht fest davon aus, dass sein Bruder einem Attentat zum Opfer gefallen ist. "Es war Mord", sagt er und beschuldigt indirekt Kremlchef Wladimir Putin und seinen innerpolnischen Erzrivalen Donald Tusk.

Wer Kaczynski zuhört, kann schnell den Eindruck gewinnen, dass diesen Mann nur der Hass leitet. Fast nie sieht man ihn lächeln. Doch zur Wahrheit gehört auch der Hass seiner Gegner.

In linken Kreisen zählt das "Kaczynski-Bashing" seit Langem zum guten Ton. Die Scharfmacher in Politik und Medien unterstellten Lech Kaczynski ein Alkoholproblem. Als der Präsident verunglückte und sein Bruder um die Nachfolge kämpfte, hieß es, er putsche sich mit Psychopharmaka auf. Ohnehin leide Jaroslaw Kaczynski an einer geistig-seelischen Störung, mutmaßten selbst ernannte Experten.

Mutter war sein bester Freund

Längst bekannt waren da Unterstellungen, das "Mamasöhnchen" sei homosexuell und hasse gerade deshalb Frauen und Schwule gleichermaßen.

Richtig ist, dass Jaroslaw Kaczynski, anders als sein verheirateter Bruder, nie eine Frau an seiner Seite gehabt hat. Geblieben ist ihm nach dem Tod der Mutter nur die verwaiste Nichte Marta Kaczynska. Versuche in der PiS, die heute 32-Jährige an der Seite des Onkels in die Politik zu holen, scheiterten an Jaroslaw Kaczynskis Sendungsbewusstsein.

In seiner Gedankenwelt kreise er nur um sich selbst, sagen sogar Weggefährten wie Elzbieta Jakubiak, die einst die Kanzlei des Präsidenten Lech Kaczynski leitete. "Meine Mutter war mein bester Freund", sagte Jaroslaw Kaczynski vor dem Begräbnis gestern. Elzbieta Jakubiak wünscht ihm, dass "Jarek sich nicht seiner Verzweiflung hingibt, sondern ein Ziel im Leben findet".

Allerdings schwingt dabei die Skepsis mit, dass sich der 63-Jährige nach dem Tod von Jadwiga Kaczynska noch einmal aufraffen und neu sortieren kann - ob mit oder ohne Politik. Größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Jaroslaw Kaczynski eines Tages in seiner Wagenburg untergeht.