In dieser aufgeregten Atmosphäre schrieb mir ein Freund aus Warschau kürzlich einen eher nachdenklichen Brief. Der junge Mann, der eine Zeit lang in Australien gelebt hat und sich dem abgewählten liberalen Lager zurechnet, grübelte schreibend über die Gründe für den krassen Richtungswechsel nach rechts nach, für den seine Landsleute mit großer Mehrheit gestimmt haben. Er war ratlos, kam aber zu dem Schluss, dass vermutlich viel zu viele Liberale viel zu lange an das Gute im gemeinen Polen geglaubt hätten. Nun, da die Menschen zwischen Oder und Bug nach zehn Jahren in der EU noch immer nicht reich seien, zeigten sie ihr wahres, ihr nationalistisches Gesicht.

Ob es so ist? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass viele Beobachter in Deutschland, die Polen wohlgesinnt sind (und zu diesen Beobachtern zähle ich mich selbst), tatsächlich einem solchen Irrglauben an das grundsätzlich Gute in unseren Nachbarn aufgesessen sind. Die Freude, ja, die Begeisterung über die Gastfreundschaft, die Offenheit und die Aufbruchsstimmung im neuen Polen hat manche Schattenseiten überblendet.

Ein bisschen ist es so wie einst mit dem Idealbild des "edlen Wilden", der von der (europäischen/westlichen) Zivilisation noch nicht verdorben ist. Der Vergleich ist natürlich krass überzeichnet. Nicht, dass jemand auf die Idee kommt, ich hielte die Polen für Wilde! Im Gegenteil: Unsere Nachbarn sind in aller Regel außergewöhnlich kultivierte Menschen.

Worauf ich hinaus will, ist die Psychologie der Projektion. Dieser Mechanismus resultiert aus der eigenen Unzufriedenheit mit den eigenen Verhältnissen im eigenen Land.

Das Hadern mit westlichen Werten gehört bekanntlich seit Langem zum guten Ton in Deutschland. Ob zu Recht oder nicht, das soll hier nicht die Frage sein. Entscheidend ist, dass aus dieser Verbitterung die Unterstellung (oder Hoffnung) erwächst, die anderen, die "Unverdorbenen", seien per se besser, im vorliegenden Fall: die edlen Polen.

Das ist natürlich Quatsch, und wer ein wenig darüber nachdenkt, begreift das auch sehr schnell. Dennoch ist mitunter das Erschrecken groß, wenn die Guten plötzlich ein hässliches Gesicht zeigen. Konkret: Wenn die edlen Polen, die unbedingt reich werden wollen, Atomkraftwerke bauen und weiter Kohle verfeuern, statt das Weltklima zu retten. Und nun wählen sie auch noch mit überwältigender Mehrheit erzkonservative, nationalistische und zum Teil neofaschistische Parteien! Das ist schlimm, keine Frage. Aber es ist Sache der Polen.