"Hans-Dietrich war der aktivste Teilnehmer bei der Wiedervereinigung. Ohne ihn wäre alles ganz anders gekommen", sagte gestern der ehemalige sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow in Leipzig. Aus dem gemeinsamen Bemühen um den Frieden in Europa sei zwischen den beiden Politikern eine tiefe Freundschaft entstanden.
Der heute 76-jährige FDP-Politiker habe das Fundament für die Wiedervereinigung geschaffen, sagte Universitätsrektor Volker Bigl. Als Genscher am 30. September 1989 den ausharrenden DDR-Bürgern in der Prager Botschaft die ersehnte Ausreise ankündigte, habe er die Mauer geöffnet, die Europa und Deutschland mehr als vier Jahrzehnte getrennt hatte. Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU): "Wir säßen und stünden heute nicht hier, wenn es Sie und Ihr Werk nicht gegeben hätte." Bundespräsident Johannes Rau würdigte in einem Grußwort Genscher als "deutschen Glücksfall" und sein Lebenswerk als "kluge Politik des langen Atems".
Auch im Jahr 14 nach der Wende wurden Genscher und Gorbatschow in Leipzig als deutsch-russische Paten der Wiedervereinigung angesehen. "Zwei Männer der jüngeren Geschichte, die in unterschiedlichen Teilen Europas die Diktatur hinweggefegt haben", meinte Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD). "Trotz scheeler Blicke mancher Nato-Verbündeter verfolgte Genscher eine Politik der Annäherung während des Kalten Krieges - als erster westlicher Politiker", sagte Festredner Gorbatschow. Der Diplomat habe nicht nach taktischen Erwägungen gehandelt, sondern aufrichtig.
An dem daraus entstandenen Rohbau des Hauses Europa soll nun weiter gebaut werden. "Die Staatengemeinschaft hat nur eine Chance, wenn sie vereint ist", sagte Gorbatschow mit Blick auf die EU-Osterweiterung. Trotz aller Unterschiede müssten die Staaten als gleichberechtigte Partner zusammenarbeiten. Weiter offen sei die Rolle Russlands. "Jeder weiß, dass ein vereinigtes Europa ohne Russland unmöglich ist. Aber niemand weiß, wie man mit Russland umgehen soll."
"Kein Volk ist so eng mit dem Schicksal Europas verbunden wie Deutschland", sagte Genscher. Leipzig als Stadt der friedlichen Revolution und des Rechts spiele dabei eine besondere Rolle. "Die Mauer wurde vom Osten her zum Einsturz gebracht", sagte der gebürtige Hallenser. Die Bundesrepublik müsse jetzt ihren Platz in einer multipolaren Weltordnung finden, die auf Gleichberechtigung und nicht auf Macht fuße. (dpa/ab)