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Der deutsch-französische Kanzler

Paris. Frankreich trauert um Helmut Kohl. Unvergessen ist die Freundschaft mit François Mitterrand, die über den Handschlag von Verdun hinausging. Christine Longin

"Wir haben uns versöhnt. Wir haben uns verständigt. Wir sind Freunde geworden", steht auf einer Bronzeplatte vor dem Beinhaus von Verdun. Die Inschrift erinnert an jenen historischen Moment am 22. September 1984, als François Mitterrand über den Gräbern des Ersten Weltkriegs die Hand von Helmut Kohl ergriff und die beiden Staatsmänner so die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich besiegelten. "Diese Geste mit der Hand war nicht abgesprochen, sondern ist in der Situation entstanden", sagte der Bundeskanzler hinterher in einem Fernsehinterview. Dennoch ist sie das, was von Kohl in Frankreich am stärksten in Erinnerung bleibt. Kaum eine französische Zeitung verzichtete nach der Todesnachricht auf das Bild der beiden sowohl körperlich als auch politisch so unterschiedlichen Männer Hand in Hand. "Der deutsch-französische Kanzler", überschrieb die katholische Zeitung "La Croix" ihren Nachruf.

Der Konservative aus der Pfalz und der Sozialist aus der Charente waren fast zur selben Zeit an die Macht gekommen: Mitterrand 1981 und Kohl 1982. Trotz der Gegensätze bildeten die beiden schnell ein deutsch-französisches Paar, das 13 Jahre lang die Geschicke Europas bestimmte. "Kohl war der letzte deutsche Kanzler, für den die Beziehung zu Frankreich eine historische Notwendigkeit, eine moralische Pflicht und eine politische Priorität war," sagte der ehemalige Außenminister Hubert Védrine im Radiosender RTL. In seine Zeit fallen deshalb so symbolische Einrichtungen wie der Fernsehsender Arte und die deutsch-französische Brigade.

Mitterrands Angst vor der Wiedervereinigung

Sie entstand kurz vor dem Fall der Mauer 1989, der auch die Beziehungen zwischen den beiden Männern kurzzeitig durcheinanderbringen sollte. Mitterrand sah das Entstehen eines vereinigten Deutschlands im Herzen Europas mit Skepsis.

Im Gespräch mit der britischen Premierministerin Margaret Thatcher äußerte er die Sorge, dass Deutschland sich in Europa "mehr Boden als Hitler sichern könnte." Seine Reise im Dezember 1989 in die DDR war ein Affront für den Kanzler, der Mitterrand erst durch die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie und den Verzicht auf Atomwaffen von den friedlichen Absichten Deutschlands überzeugte. Als drittes Zugeständnis erklärte sich Kohl zur europäischen Währungsunion bereit.

"Er hat die Zustimmung Frankreichs bekommen indem er sich zu Verhandlungen über die Einheitswährung verpflichtete, die er zum Zeitpunkt des Mauerfalls nicht sehr befürwortete", schreibt Hans Stark vom Ifri-Institut in der französischen "Huffington Post". Doch Kohl war klar: "Die deutsche Einheit und die europäische Einigung sind zwei Seiten ein und derselben Medaille."

Für Sätze wie diesen, den er im Dezember 1989 vor dem Europaparlament in Straßburg aussprach, wird der Bundeskanzler in Frankreich nicht nur als Architekt der Wiedervereinigung, sondern auch als großer Europäer gewürdigt.

Träne für den toten Freund

"Als Wegbereiter der Vereinigung seines Landes prägte Helmut Kohl gemeinsam mit François Mitterrand die Einheit Europas und vertiefte die deutsch-französische Freundschaft", schrieb Präsident Emmanuel Macron auf Deutsch wenige Stunden nachdem der Tod des 87-Jährigen bekannt geworden war. "Die beiden Männer hatten etwas Wesentliches gemeinsam", schildert der frühere Präsidentenberater Jacques Attali in der Zeitung "Journal du Dimanche" die Beziehung. "Sie wollten alles tun, damit es nie wieder einen deutsch-französischen Krieg gibt. Und dafür mussten sie die europäische Einheit aufbauen."

Zu diesem Zweck trafen sich die beiden Politiker über Jahre hinweg einmal im Monat - ein Rhythmus, der heute für die deutsch-französischen Paare nicht mehr denkbar ist. Mehr als 80 Restaurants habe er mit den beiden besucht, erinnert sich Attali. Beide liebten das Landleben und die einfache Küche. Die Männerfreundschaft war so eng, dass Kohl nach dem Tode Mitterrands im Januar 1996 tief bewegt war. Bei der Trauerfeier in der Kathedrale Notre-Dame lief ihm eine Träne über die Wange. "Der Kanzler weint um seinen toten Freund", schrieb die Zeitung "Le Monde" damals. Nun sind die beiden im Tode vereint. Eine französische Karikatur zeigt ihre beiden Grabsteine nebeneinander - Hand in Hand.