Der gewaltige Schädel ruht schwer auf dem Granit-Sockel. Mit 7,10 Meter Höhe und 40 Tonnen Gewicht scheint die Büste für die Ewigkeit geschaffen. Die Chemnitzer Verwaltung bezeichnet den Koloss im Stadtzentrum sachlich als Marx-Monument.

Der Volksmund spricht hingegen wohlwollend und distanziert zugleich vom „Nischel“, was sächsisch soviel wie Kopf heißt. Am Sonntag feiert die angeblich größte Porträtbüste der Welt den 40. Jahrestag ihrer Übergabe.

Eine Party für das Denkmal des aus der Mode gekommenen kommunistischen Vordenkers Karl Marx (1818-1883) gibt es zwar nicht. Eine kleine Aufmerksamkeit lässt sich die Stadt aber nicht nehmen. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) kündigte die Sanierung des 4,50 Meter hohen Granitsockels ab Ende Oktober an.

Beliebt bei Touristen

Der in sozialistischer Manier gestaltete Bronze-Schädel stammt vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel (1917-2003). Seine Büste dürfte das überregional bekannteste Wahrzeichen der im Zweiten Weltkrieg schwer zerstörten Stadt sein. „Das Denkmal ist definitiv eine Sehenswürdigkeit der Stadt Chemnitz. Gäste aus dem Ausland und asiatische Touristen lassen sich gern davor fotografieren“, sagt die Chemnitzer Tourismusdirektorin Franziska Herzig.

Markant sind der finstere Blick, die wulstigen Gesichtszüge und die ausschweifende kantige Haarpracht. An dem Gebäude dahinter findet sich auf einer riesigen Tafel in vier Sprachen der Schriftzug „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Das Monument wurde am 9. Oktober 1971 vor angeblich 250 000 Menschen und angereister SED-Prominenz übergeben. In der DDR diente es fortan als standesgemäßer Hintergrund für Aufmärsche und Demonstrationen. Damals hieß Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt, obwohl der Vordenker des Kommunismus niemals etwas mit dem Ort zu tun hatte. Nach der friedlichen Revolution erfolgte 1990 zwar die Rückbenennung in Chemnitz. Doch das Marx-Monument überdauerte, die anfänglichen Stimmen für den Abriss setzten sich nicht durch.

Ein Identifikationssymbol

Der Direktor der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz, Mathias Lindner, sieht in dem Denkmal eines der wenigen Identifikationssymbole in der Stadt. Es habe zudem eine „merkwürdige Wandlung“ im Bewusstsein erfahren. In der DDR sei es Ausdruck einer totalitären Ideologie gewesen. Seit dem Herbst 1989 verbänden sich aber mit dem Marx-Kopf auch die Bilder der dort startenden Demonstrationen gegen die SED. Lindner spricht ihm regelrecht „schutzpatronhafte Züge“ für die Chemnitzer zu. Künstlerisch gesehen hält er den Kopf mit seinem „banalen realistischen Gesicht“ aber für ein „Machwerk“. Der kommerziellen Nutzung des Wahrzeichens steht dies nicht entgegen. Stadt und Wirtschaft nutzten das Monument für den Kapitalismuskritiker Marx für ihre Zwecke.

Chemnitz warb lange Zeit mit dem Spruch „Stadt mit Köpfchen“. Daneben profitierten die Souvenirhersteller. Den „Nischel“ gibt es auf USB-Sticks, als kleinen geschnitzten Miniaturkopf, als Räuchermann und auf Süßigkeiten.

Auch das Denkmal profitiert. In die anstehenden Arbeiten am Granitsockel fließen 25 000 Euro einer großen Möbelhauskette, die den Bronzekopf als Werbekulisse nutzte.

Die sonst lässige Beziehung der Chemnitzer zu ihrem Wahrzeichen kann aber auch sehr emotional werden. Als der „Nischel“ für eine Ausstellung nach Münster verborgt werden sollte, verhinderte dies ein Sturm der Entrüstung. Auch die überregional für Aufmerksamkeit sorgende Verhüllungsaktion 2008 fand ihre Kritiker. Mitinitiator Mathias Lindner erinnert sich, dass die erhoffte Diskussion über das Denkmal und seine Funktion in der Stadt kaum in die Gänge kam. Statt eines „frischen Blickes“ habe es Auseinandersetzungen mit Altgenossen gegeben, die eine Demontage ihrer Geschichte befürchteten, sagt er.

Neue Erkenntnis

Eine neue Sicht brachte die Verhüllung damals dennoch: Der ungarische Künstler Gyula Pauer zeigte mittels einer Projektion, dass Kerbel für den Marx-Kopf offenbar eine Vorlage seiner vielen Leninbüsten genutzt haben muss. Dieser verpasste er lediglich den typisch Marxschen Bart und die stilisierte Zottelfrisur. Eine große deutsche Tageszeitung bezeichnete das Monument daraufhin als „Janusköpfchen“.