Beispiel Thomas S. Er gilt als Mitbegründer und Rädelsführer der SSS, bis sie verboten wurde. Der 29-jährige Sozialarbeiter, der im Gerichtsaal immer im Anzug auftrat, ist seit 1991 in der rechtsextremen Szene aktiv und gehörte schon der ebenfalls verbotenen Wiking-Jugend an. „Die SSS hat jahrelang die Region terrorisiert. Jetzt macht sie unter anderem Namen weiter“, sagt Nebenklage-Anwalt Wolfgang Kaleck. Schließlich habe sich auch keiner von ihnen entschuldigt. Die Opfer der braunen Schläger wollen nun in Zivilverfahren Schmerzensgelder einklagen. „Bei den Tätern“, sagt Jan Buruck, „ist bis heute nicht die geringste Regung von Reue und Bedauern zu spüren.“
Zwar gibt es derzeit in der Region kaum noch Auftritte uniformierter Gruppen, doch Provokationen, Sachbeschädigungen und Übergriffe auf Ausländer und Andersdenkende passieren nach wie vor.

Anmietung von Immobilien
Vor wenigen Tagen verurteilte das Amtsgericht Pirna vier Jugendliche für zwei Angriffe auf Asylbewerber. Sie hatten erst Algerier mit einer Schreckschusspistole bedroht und danach zwei Vietnamesen mit einer Holzlatte verprügelt. Im Januar wurde eine Schülerparty von 17 rechtsextremen Schlägern brutal überfallen.
Die Strukturen der Neonazi-Szene würden inzwischen neu organisiert, sagt Buruck. Es gebe ein neues Internetportal und Versuche, sich durch Anmietung von Immobilien eine logistische Basis zu schaffen. Im März wollten Skinheads ein früheres Fitness-Center als Tattoo-Studio und Club einrichten. Autos mit Ruhnen-Schrift auf der Heckscheibe parkten vor dem Haus, Männer mit kurzen Haaren begannen zu werkeln. Auch Aufkleber mit dem alten SSS-Spruch „Wir sind die Guten“ und die einschlägig bekannte Schülerzeitung „Parole“ tauchen wieder auf. Die Stadtverwaltung bemüht sich jedoch, den „nationalen Jugendtreff“ zu unterbinden.

Aussteigerprogramm
„Vieles läuft jetzt konspirativer und professioneller ab“, sagt Buruck. Die Arbeit für die Behörden dürfte damit komplizierter werden. Verfassungsschutzpräsident Rainer Stock zeigt sich jedoch zuversichtlich, dass das SSS-Urteil „bei den Verurteilten, wie auch in der rechtsextremistischen Kame-radschaftsszene heftiges Nachdenken darüber auslöst, ob es nicht an der Zeit ist, den eingeschlagenen Weg in den Sumpf des Rechtsextremismus und der Gewalttätigkeiten zu verlassen“. Sein Amt bietet als Hilfe ein Aussteigerprogramm an. Unter der Hotline (0351/ 655 655 655) gingen bis Ende April 85 Anrufe ein, darunter 37 von potenziellen Aussteigern oder von Personen, die diskret Tipps übermittelten.
Während das Pirnaer Rathaus früher meist wegsah, engagiert sich der jetzige Oberbürgermeister Mario Ulbig (CDU) in der Sache und gründete eine Initiative gegen Extremismus und für Zivilcourage.
„Das Problem mit den Rechtsextremisten“, sagt Markus Kemper vom Mobilen Beratungsteam Pirna, „kann nicht die Justiz lösen. Das ist ein Thema für die Behörden, die Schulleiter, die Sozialarbeiter und viele andere.“