„Ich bin hier der letzte Sorbe. Wenn wir nicht mehr sind, ist es aus. Die Jugend geht ja nicht mehr in Tracht.“
 Günter Hoffmann


Fast liebevoll streicht Günter Hoffmann über die weiße Spitze eines Hochzeitskittels, fühlt mit seinen knorrigen Fingern die feine Stickerei. Stück für Stück nimmt er seine sorbische Trachtensammlung aus Truhen und Schränken und breitet sie vor sich aus. Ein scheinbar unendlicher Vorrat an Schürzen und Tüchern in unterschiedlichen Farben und Stoffen kommt zum Vorschein. Die Trachten sind sein Leben, füllen jeden Winkel seiner Wohnung im Hoyerswerdaer Stadtteil Klein Neida. Sie leben in Symbiose: Hoffmann bewahrt die sorbischen Gewänder vor Motten und dem Vergessen und sie ihn vor Untätigkeit und Langeweile.
Seit Günter Hoffmann vor rund sechs Jahren damit begonnen hat, aus Dachböden und Kleiderschränken von Freunden und Bekannten die Relikte sorbischer Kleiderkunst zusammenzutragen, ist er viel unterwegs. Oft sind die Kleidungsstücke stark beschädigt. Meist fehlen Knöpfe oder Schmuckbänder. Der Stoff ist über die Jahrzehnte abgenutzt, teilweise von Motten zerfressen. Der gelernte Tischler bessert die Teile mit Akribie aus. Was nicht mehr zu reparieren ist, wird neu genäht. Immer wieder hilft ihm dabei seine Cousine aus dem Hoyerswerdaer Ortsteil Zeißig. Stoffe, Bänder, Knöpfe und mehr sammelt Hoffmann mühevoll zusammen - im Spreewald, in Bautzen, Görlitz oder Polen. Inzwischen nennt der Sorbe weit mehr als 40 Trachten sein eigen.
In seiner Sammlung finden sich neben sorbischen Hochzeitstrachten unter anderem die Konfirmations-, Tieftrauer-, Kirchgangs- und Arbeitstracht. "20 Trachten hatte man als sorbische Frau mindestens im Kleiderschrank", erzählt Günter Hoffmann.
Dass eine Frau in Klein Neida in Tracht durchs Dorf spaziert ist, ist lange her. "Ich bin hier der letzte Sorbe", sagt der 71-Jährige wehmütig und fürchtet das Ende seiner Generation: "Wenn wir nicht mehr sind, ist es aus. Die Jugend geht ja nicht mehr in Tracht." Doch es wird wieder sorbisch gesprochen in Klein Neida. Seit ein paar Jahren lernen einige Kinder in der Grundschule "Am Adler" zweisprachig - auf deutsch und sorbisch - rechnen, schreiben und lesen. "Es ist schön, dass wieder sorbisch unterrichtet wird. Das verliert sich ja sonst", freut sich Hoffmann.
Eigene Kinder, an die er die sorbischen Bräuche weitergeben könnte, hat Günter Hoffmann nicht. Der Hoyerswerdaer lebt seit 1965 nach kurzer Ehe allein. Die "Frauen", die jetzt sein Leben bestimmen, stehen im Zimmer neben der Küche. Starr und schweigend präsentieren die 20 Puppen die Schätze der Hoffmannschen Sammlung. Jedes Detail sitzt. "Schön akkurat" - ganz so, wie es dem 71-Jährigen wichtig ist. Mit Zuckerwasser hat er ihnen den Mittelscheitel frisiert, mit zahllosen Stecknadeln Hauben, Tücher und Bänder fixiert. Jede einzelne Leinenschürze hat Hoffmann mit Kartoffelmehl gestärkt und stundenlang mit einer Glaskugel geglättet. Nach alter Tradition "bis es richtig schön glänzt", sagt der Hoyerswerdaer.
Hoffmann hängt an seinen Trachten. "Ich gebe die Sachen nur an die, die etwas davon verstehen. Da bin ich stur", gibt der Hoyerswerdaer zu. Wenn die Haube schlecht sitzt oder das Brusttuch nicht ordentlich gesteckt ist, dann ärgert ihn das. Günter Hoffmann kennt die Sprache der Trachten. Das Mieder mit sechs Knöpfen; das Brusttuch, das nur verheiratete Frauen ins Mieder stecken dürfen; der weiße Stehkragen, den Mütter unehelicher Kinder an Festtagen am Hals hatten, die Braut, die schwarz trägt, weil sie schwanger ist - Hoffmann weiß um die Bedeutung jedes Details.
Sein Wissen um die sorbische Kleiderkunst und seine Sammlung sind gefragt. Beim sorbischen Gottesdienst in Tätzschwitz (Landkreis Kamenz), einer sorbischen Hochzeit in Rohne, bei Volkstänzen und großen Festen in der gesamten Lausitz werden Stücke aus seinem Fundus getragen. "Da bin ich ein bisschen stolz auf meine Sachen", sagt Hoffmann beim Blättern in seinen Fotoalben. Auf zahlreichen Bildern steht der Sorbe lächend im Kreise derer, die seine Trachten tragen. Familienbilder sind rar. Hoffmann ist schon im Alter von zehn Jahren Vollwaise geworden, die meisten seiner Geschwister sind jung gestorben. Die wenigen Erinnerungsfotos, die ihm geblieben sind, schützt der 71-Jährige sorgsam hinter Glas und Folie. Einsam ist Günter Hoffmann dennoch nicht. Dort, wo bei anderen Bilder von Kindern und Enkeln an der Wand hängen, sind bei ihm Urkunden und Dankesschreiben gerahmt - für seine Mith ilfe bei sorbischen Festen. Direkt darunter auf dem Küchentisch liegt ein Stapel Socken. Die Wolle dafür hat der Sorbe selbst gesponnen. Jeden Tag sitzt er stundenlang am Spinnrad, lässt die Schafhaare durch seine Finger gleiten. Viel Wolle bekommt er aus dem Spreewald - und einiges geht gesponnen wieder dorthin. Erst kürzlich, so erzählt Günter Hoffmann, habe er der Spreewälder Holzschuh-Tanzgruppe Wollsocken geschenkt, damit sie bei ihren Auftritten alle einheitlich aussehen und wirklich jedes Detail sitzt. Schön akkurat - eben ganz so, wie es der 71-Jährige mag.