Architekt steht noch immer auf seiner Visitenkarte, er sitzt im Denkmalbeirat der Stadt, wird als Berater an die BTU gerufen und verfolgt mit kritischem Blick die architektonischen Veränderungen in der Region. Wie aber wohnt ein Mann, der sein Leben dem Bauen verschrieben hat? „Zur Miete, ganz normal“ , sagt er lachend, und gibt dann doch zu, ein klein wenig Einfluss genommen zu haben auf sein Zuhause. „Der Rohbau stand, als meine Frau und ich uns für die Wohnung entschieden haben. Planerin war die Tochter eines früheren Kollegen. An der Grundkonzeption ließ sich nicht mehr rütteln. Aber mit ganz kleinen Veränderungen haben wir ein deutliches Mehr an Lebensqualität herausgeholt. Eine Doppeltür macht aus der Küche eine großzügige Wohnküche, Glaseinsätze holen Licht in die dunkle Diele und Fliesen statt Auslegeware ersparen viel Putzarbeit.“ Kleinigkeiten, die viel verraten über einen Mann, der das Gesicht der Region entscheidend mitgeprägt hat.

Aus Trümmern ein Land aufbauen
Geboren jenseits der Oder, Schulbesuch und Abitur in Sachsen, dann die Frage nach der Zukunft. „Ich war unsicher. Die Medizin reizte mich sehr, der Gedanke, dicht am Menschen sein zu können. Aber auch die Musik hätte mir viel Freude gemacht, meine Stimme war gut.“ In diese Gedanken hinein sprach der Vater, ein Baumeister. Schau aus dem Fenster, habe der gesagt und gefragt, was der Sohn da sehe. „Trümmer. Ein ganzes Land, das aufgebaut werden müsse.“ Eberhard Kühn lernte Maurer, studierte an der Landesbauhochschule in Cottbus und wurde Architekt. „Bereut habe ich es nie“ , sagt er heute. „Ich konnte etwas für die Menschen tun mit meiner Arbeit. Denn mein eigentlicher Auftraggeber, das war ja das Volk.“ Dass die Partei sich zwischen Volk und Macher geschoben habe, stehe auf einem anderen Blatt, er selbst sei jedenfalls nie Genosse gewesen. „Das ist ja auch so ein Gerücht, dass man in der Partei gewesen sein musste. Können musste man was, sonst nichts.“
Eberhard Kühn konnte - und durfte. Er, der den großen Schinkel als sein Vorbild nennt, arbeitete zunächst in einem kleinen Planungsbüro, dann im Wohnungsbaukombinat. „Luftschlösser habe ich nie gebaut, Funktion, Konstruktion und Form mussten immer passen.“ Mit einer Schule in Lübbenau plante er sein erstes selbstständiges Werk, es folgten Bauten in Cottbus, Lübbenau, Guben, Forst und Weißwasser, die Lessing-Oberschule in Hoyerswerda. „Zunächst alles noch ganz klassisch, ein Stein, ein Kalk, dann kam der Montagebau.“ Den Begriff „Platte“ schätzt er nicht - „zu abfällig“ . Als sehr durchdacht empfindet er bis heute viele der damaligen Projekte. „Und als wir auf die Idee kamen, das Standardmaß von sechs Metern einfach zu splitten und so die Platten auch in Altbau-Straßenzügen zu integrieren, staunten sogar die Kollegen aus dem Westen.“
Der Konstruktivist Kühn wurde schnell zum Spezialisten für Gesellschaftsbauten im Bezirk. Stolz wie Bolle sei er gewesen, als er 1968 eingeladen wurde, an einem Wettbewerb zum Bau einer Multifunktionshalle für Cottbus teilzunehmen. „Meine Mitstreiter arbeiteten mit separaten Hallen für Sport und Kultur, ich wollte alles in einem einzigen großen Raum unterbringen.“ Kühns Idee erhielt den Zuschlag. Und nach etlichen Querelen durfte er gegen den Willen seines Kombinats das Projekt dann auch ausführen. Erzählungen aus dieser Zeit bilden eine seltsame Melange aus fremd Gewordenem und Vertrautem. Von Staatsplanziffern ist da die Rede und vom Materialmangel, von einem staatlich verordneten Baustopp, um dem Wohnungsbau Vorrang zu geben.

Zufrieden mit seinem Werk
Vom Gedankenaustausch mit so kreativen Geistern wie der Schriftstellerin Brigitte Reimann oder dem Maler Rudolf Graf. Aber auch: Kostenexplosion bei der Stadthalle von sieben auf 25 Millionen Ostmark, Auseinandersetzungen mit neidischen Konkurrenten, tatkräftige Unterstützung gerade von den unzähligen kleinen Handwerksbetrieben. Bis heute ist der Architekt zufrieden mit seinem Werk, bis heute bemüht er sich um den Erhalt der Lebensqualität in der Stadt.
Eberhard Kühn ist heute 75. Und er macht sich noch immer seine Gedanken zu aktuellen Entscheidungen in Cottbus (siehe "Zum Thema"). Nach der Wende arbeitete er noch einige Jahre selbstständig, bis heute wird er als Berater gehört. Er genießt sein Leben mit Frau, Kindern und Enkeln, mit Reisen und Büchern und einem kleinen Haus mit Boot am See. Engagiert meldet er sich immer dann zu Wort, wenn es um die Vergangenheit der Region geht. „Nicht, um irgendetwas zu beschönigen. Aber um richtig zu stellen und zu würdigen, was der Würdigung wert ist.“

Zum Thema Gedanken des Architekten zu Cottbuser Projekten
  Der Abriss einer innenstadtnahen Wohnscheibe am Bahnhof: „Fatal. Der Komplex hat 40 Jahre das Stadtbild geprägt. Der Rückbau muss von außen nach innen geschehen, man darf nicht unbedacht Lücken reißen.“
Das Medienzentrum der BTU: „Innen wunderbar funktional, die Außengestaltung lässt Fragen offen. Die eingeätzten Buchstaben der Fassade zum Beispiel sind gerade für Autofahrer als solche nicht erkennbar.“
Das neue Schwimmbad: „Erstens hätte man die alte Schwimmhalle an der Uni sanieren können, zweitens ist der Standort schlecht - direkt an der Hauptverkehrsader. Weite Wege für die meisten Cottbuser und vor Ort dann Engpässe.“
Die Lausitzarena: „Sehr funktional. Aber der Standort ist schlecht gewählt. Eine bessere Verkehrsanbindung würde bedeuten, dass die Halle mehr Besucher hätte.“