Irakische Soldaten sind empört. „Die Waffeninspektionen der Vereinten Nationen waren doch eine Täuschung. Die Inspekteure waren nur hier, um alles auszuspionieren“, sagt ein Uniformierter. „Die wissen jetzt genau, wie wir uns verteidigen. Aber sie werden sich noch wundern“, droht er.
Seit dem Vorabend haben ver- stärkte Polizeitruppen und Milizen Stellungen in der Innenstadt bezogen. Eine Ausgangssperre wurde gestern nicht verhängt. Die Menschen konnten sich frei bewegen.

Saddam ruft zu Gegenwehr auf

Drei Stunden nach Beginn des Krieges wendet sich Machthaber Saddam Hussein an sein Volk. Durch eine große Brille liest er vom Schreibblock seine Rede ab, in der er zu Mut und Tapferkeit gegen einen als „schändlich“ beschriebenen Feind aufruft. Dabei wirkte der Staatschef kraftloser, als es das martialische Begleitprogramm des irakischen Fernsehens erwarten ließ. Die Iraker rief er zur bedingungslosen Verteidigung auf: „Ich möchte nicht wiederholen, dass alle Männer und Frauen verpflichtet sind zur Verteidigung unserer lieben Nation. Iraker, Ihr werdet siegreich sein, ebenso wie die Söhne eurer Nation. Ihr seid bereits siegreich, durch den Willen Gottes. Es lebe Irak, es lebe der Dschihad, es lebe Palästina.“

Die USA sind in der Beurteilung der im irakischen Fernsehen ausgestrahlten Rede von Saddam Hussein noch zu keiner abschließenden Einschätzung gelangt. Ein hochrangiger US-Beamter sagte gestern, es stehe noch nicht fest, ob der Redner tatsächlich der irakische Staatschef gewesen sei. Auch zu der Frage, wann die Rede aufgezeichnet worden sei, gebe es noch keine eindeutige Antwort, meinte der Beamte, der nicht namentlich genannt werden wollte.

In Bagdad wurde die Angriffsstrategie von internationalen Beobachtern als ein Test für die Standfestigkeit der irakischen Führung verstanden. Die Schläge, die sich nach US-Angaben auf Anlagen wie einen Führungsbunker konzentrierten, ließen die zivile Infrastruktur unversehrt. Die Strom- und Wasserversorgung blieb in der Stadt bislang intakt.

In gebügelten Armeeuniformen marschierten Informationsminister Mohammed Said el Sahhaf und Kulturminister Hamid Jusuf Hammadi vor die Presse, um die Angriffe scharf zu verurteilen und die von US-Militärs als „Enthauptungsschlag“ bezeichnete Aktion zu dementieren. „Das ist reiner Unsinn“, wetterte El Sahhaf. „Aber es ist auch ein guter Beweis dafür, dass die Amerikaner Mörder und Verbrecher sind.“

Doch die starken Worte der Regimevertreter stehen in starkem Kontrast zur Haltung vieler Bewohner der Hauptstadt Bagdad, die eher unbeteiligt wirken. Sie sind ganz darauf konzentriert, das eigene Überleben im Krieg zu sichern. Da ist etwa die 57-jährige Sina, die sich mit Säcken von Mehl, Trinkwasser und Konserven eingedeckt hat. Mit dem Beginn des Krieges bereitete Sina für sich und ihre 70-jährige Mutter das Schlaflager im hauseigenen Bunker. Dies ist ein mit Stahlbetonwänden verstärkter Innenraum, der schon im Krieg gegen den Iran in den 80er-Jahren angelegt worden war. „Er gibt uns zumindest ein bisschen das Gefühl, einen Schutz zu haben“, sagt die Frau.

Humanitäre Katastrophe befürchtet

Alexander Christof sitzt voller Ungeduld in der jordanischen Hauptstadt Amman. „Ich kann nicht warten, ich will möglichst schnell nach Bagdad zurück“, berichtet der Münchner Architekt gestern telefonisch nach Deutschland.

Christof hat die einzige deutsche Hilfsorganisation in Irak aufgebaut, die Organisation „Architekten für Menschen in Not“. Durch die Angriffe der USA auf die Millionenstadt sieht er zwar auch sein Werk bedroht, das ihm den Ruf des „Baumeisters von Bagdad“ eingebracht hat. Aber viel schlimmer: „Die humanitäre Katastrophe dort ist vorprogrammiert.“ Zumindest für die „hunderte von Straßenkindern“ will Christopf aus der Ferne so schnell wie möglich Hilfe organisieren.

„Die Lebensmittelversorgung in Bagdad ist seit den Angriffen eingestellt, haben mir meine Leute am Telefon berichtet. Medizin gibt es auch nicht mehr zu kaufen“, so Christof. Er hatte Ende 2001 sein Architekturbüro in München aufgegeben und war mit seiner Frau in den Irak aufgebrochen. Dort halfen die beiden seitdem mit, die im ersten Golfkrieg zerstörte und seitdem nie mehr richtig in Stand gesetzte Wasserversorgung und Abwasserentsorgung des Landes zu erneuern. Wegen des schmutzigen Wassers leiden im Irak viele Menschen an Infektionskrankheiten.

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