Nach zehn Minuten ist alles vorbei. Vor Absperrgittern der Polizei drängen sich etwa 150 vom Dauerregen durchnässte Neonazis am späten Samstagnachmittag auf der Straße, die zum Waldfriedhof führt um eine große Pfütze. Zwei Lieder, ein paar Sprüche, dazu im Hintergrund Musik und Pfiffe einer nicht weit entfernten Gegendemonstration. Kränze haben die Extremisten gar nicht erst mitgebracht. Den Friedhof selbst mit den Gräbern von 24 000 deutschen Soldaten, die in der letzten Kesselschlacht des zweiten Weltkrieges starben, bekommen sie nicht zu Gesicht.

Wirksames Gesetz
Ein im Oktober vorigen Jahres erlassenes Brandenburger Gräberstätten-Versammlungsgesetz hat eine Bannmeile um diesen für Neonazis so hoch symbolischen Ort gelegt. Das Cottbuser Verwaltungsgericht und auch das durch die Rechtsextremisten bemühte Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg bestätigten die Sperrzone. Im Juli vorigen Jahres hatte der Hamburger Christian Worch, einer der Initiatoren der Halbe-Märsche, noch vollmundig im Internet prophezeit, dieses Gesetz werde „genau so ins Leere laufen“ , wie die vorangegangenen gesetzgeberischen Bemühungen, die Aufzüge vor dem Friedhof zu unterbinden.
Im März 2006 hatten 800 Neonazis noch auf den geräumigen Friedhofsvorplatz ziehen, und dort mit Fahnen, Kränzen und einer Aufstellung wie auf einem Exerzierplatz ihre geschichtsverzerrte Verklärung von Wehrmacht und Waffen-SS zelebrieren können. Am Vortag des Volkstrauertages 2004 nahmen sogar 1300 Rechtsextremisten an dem makaberen Schauspiel vor dem Friedhofstor teil. Doch danach wuchs der demokratische Widerstand auf der Straße und bei den politisch Verantwortlichen. Schon im November 2004 kündigte Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) das Bemühen um eine Bannmeile rings um den Friedhof an. Jetzt ist das Gesetz da und wirkt.

Lustlose Anhänger
Es sei zu befürchten, dass mit dem Aufzug „an Formen oder Inhalte nationalsozialistischen Heldengedenkens“ angeknüpft werde. Deshalb, so begründeten die obersten Verwaltungsjuristen des Landes am Freitagabend ihre Entscheidung, gebe es keine Ausnahme von dem gesetzlich verfügten generellen Versammlungs- und Kundgebungsverbot rings um den Soldatenfriedhof. Bei Politikern und Polizei ist die Freude darüber groß.
Sie gehen nun davon aus, dass Halbe erheblich an Anziehungskraft bei den Rechtsextremisten verlieren wird und sich kaum noch wie in der Vergangenheit weit über Eintausend von ihnen aus ganz Deutschland zu den Aufmärschen mobilisieren lassen. „Das ist der Anfang vom Ende von Halbe“ , sagt zufrieden Ulrich Arnts, der parteilose Amtsdirektor des Schenkenländchens, zu dem der Ort gehört.
Auch der zuständige Polizeipräsident Klaus Kandt ist davon überzeugt, dass die Unerreichbarkeit der Gräber wirken wird: „Das lebt vom Ritual mit den Kränzen direkt vor dem Friedhof.“ Jetzt wo das nicht mehr möglich sei, werde Halbe für die rechtsextremistische Szene unweigerlich an Bedeutung verlieren. Günter Baaske, SPD-Fraktionschef im Brandenburger Landtag, der zu den reichlich einhundert Gegendemonstranten gehört, ist nun mit Blick auf die Rechtsextremisten ebenfalls optimistisch: „Ich glaube, die machen das nicht mehr lange.“
Wie schwer es den Organisatoren des „Heldengedenkens“ fällt, ihre Anhängerschaft bei Laune zu halten, wenn sie nicht mehr vor den Friedhof kommen, wird am Samstag sichtbar. Als sie nach ersten Reden noch zwei Stunden im Dauerregen warten müssen, um wenigstens bis zur Bannmeile zu gelangen, geben viele auf und fahren nach Hause. Von anfänglich etwa 350 Rechtsradikalen ist nur noch die Hälfte beim Marschieren dabei.
Christian Worch, einer der Organisatoren, hatte sich vorher schon bei den Versammelten dafür entschuldigt, dass es nicht zum Friedhof, sondern nur bis zu einer Absperrung auf der Straße gehen wird. Später ruft er zum Abschied ins Mikrofon seiner Lautsprecheranlage „bis zum nächsten Mal“ . Wo das sein wird, sagt er nicht.

Hintergrund Demokratischer Protest
  Mit den Neonaziaufmärschen in Halbe wuchs auch der Protest von Gegendemonstranten aus ganz Brandenburg. Anfängliche Abgrenzungen zwischen der CDU und linken Gruppen, die sich am Protest beteiligten, schwanden mit der Zeit.
Im Herbst 2005 blockierten rund 2000 Demonstranten spontan eine Kreuzung und verhinderten damit trotz richterlicher Erlaubnis, dass 1600 Neonazis vor das Tor des Waldfriedhofes ziehen konnten.
Im Herbst 2006 zwang ein Fest der Demokratie mit mehreren Tausend Teilnehmern in Halbe die Neonazis, nach Seelow auszuweichen. Auch dort trafen sie auf demokratischen Protest.