Helmut Schmidt ist mit seinem Rollstuhl von der Bühne entschwunden, da wird das alte Laster übermächtig. Gut eine Stunde lang hat der einstige SPD-Kanzler in einem übervollen Saal über Europa doziert. Ohne großes Pathos, aber mit messerscharfem Verstand.

Doch nun muss sich Kettenraucher Schmidt eine Zigarette anstecken. Ein Bild, das auch auf den beiden großen Leinwänden der Parteitagshalle zu sehen ist. In diesem Moment nimmt der rauschende Beifall noch an Stärke zu, einige johlen. Die Sozialdemokraten feiern den Redner wie einen Popstar. Dabei wird Schmidt in wenigen Wochen 93 Jahre alt. So einer dürfe alles, hat sein Nach-Nachfolger Gerhard Schröder im Interview für eine Sonntagszeitung festgestellt. „Und er kann ja auch 'ne Menge“, hat er noch hinzugefügt. Wohl wahr. „Ich war früher nicht im Schmidt-Fanclub“, bekennt ein linker Flügelmann. Aber was der Altkanzler hier abgeliefert habe, sei schon eindruckvoll gewesen.

Schmidt redet noch vor der offiziellen Eröffnung des Konvents. Da tritt auch die inoffizielle „Casting-Show“ der drei potenziellen Kanzlerkandidaten Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück einstweilen in den Hintergrund.

Der erste Tag des noch bis morgen andauernden Polit-Spektakels soll ganz im Zeichen der Schuldenkrise stehen. Und eine SPD zeigen, die sich uneingeschränkt als pro-europäische Partei begreift. Dafür liefert Schmidt die Grundlage. Er spricht darüber, als gehe es auch um sein politisches Vermächtnis. Angefangen vom 30-jährigen Krieg über das Hitler-Regime bis zur deutschen Einheit und den Turbulenzen auf den Finanzmärkten spannt er einen ganz weiten historischen Bogen, um daraus die Erkenntnis zu destillieren, dass Deutschland mit dem rücksichtlosen Ausspielen seiner Größe und Stärke immer schlecht gefahren ist. „Wenn wir uns verführen ließen, eine Führungsrolle in Europa zu beanspruchen, so würden sich unsere Nachbarn zunehmend dagegen wehren“, warnt der Altkanzler. Gemeint ist die jetzt amtierende Bundesregierung, der Schmidt sogar „deutschnationale Kraftmeierei“ vorwirft.

Appell für Solidarität

Schon zum „Schutz vor sich selbst“ brauche Deutschland die Einbettung in die europäische Integration. Die Hilfsbereitschaft der Deutschen, („ein mitfühlendes Herz besonders für Griechenland“) sei unerlässlich. Denn ohne die Solidarität der westlichen Siegermächte, so Schmidts Botschaft, wäre auch aus Nachkriegsdeutschland nichts Vernünftiges geworden. Nun müsse man sich dieser Solidarität würdig erweisen und den Nachbarn helfen.

Damit redet Schmidt einer Vergemeinschaftung der Schulden das Wort, gegen die sich nicht nur die Bundeskanzlerin heftig wehrt. Hinter vorgehaltener Hand ist auch so mancher Genosse wenig davon angetan. Aber Schmidt sagt, dass man sich dem „nicht national-egoistisch versagen“ dürfe.

Als er auch noch den Internationalismus der Sozialdemokratie und ihr legendäres Godesberger Programm beschwört, kennt der Jubel schließlich keine Grenzen mehr. Die ungeteilte Begeisterung hat womöglich auch damit zu tun, dass Schmidt an diesem Sonntag Peer Steinbrück mit keinem einzigen Wort erwähnt. Vor allem die Parteilinken waren stocksauer gewesen, als der Altkanzler Ende Oktober den eher rechts gestrickten Ex-Finanzminister schon mal zum Kanzlerkandidaten ausrief.

Lautstarker Steinmeier

Aber nicht Steinbrück, sondern dessen Mitbewerber Frank-Walter Steinmeier hat die Parteitagsregie die schwere Aufgabe zugedacht, nach Schmidt reden zu müssen. Auch Steinmeiers Thema ist Europa. Der Bundestagsfraktionschef soll den entsprechenden Leitantrag vorstellen. Eine Materie, mit der man sich schon wegen ihrer komplizierten Vielschichtigkeit nur bedingt als Kanzlerkandidat profilieren kann. Doch Steinmeier macht noch das Beste daraus.

Zwar sieht er sich gleich mehrfach genötigt, seinen großen Vorredner zu zitieren. Aber während der Altkanzler in leisem Ton analysierte, haut Steinmeier lautstark drauf. Das ist sonst nicht seine Art, und die Stimme droht gelegentlich wie bei Gerhard Schröder in ein heiseres Röhren umzuschlagen.

Aber Steinmeiers Entrüstung über die „penetrante und doppelzüngige Schulmeisterei“ der Merkelschen Euro-Politik kommt bei den Delegierten gut an. Außerdem geht er einen Schritt weiter als Schmidt, indem er ausführlich über Lösungsmöglichkeiten der Schuldenkrise spricht.

Anders als die Kanzlerin macht sich Steinmeier dabei den kürzlich von den Wirtschaftsweisen angeregten europäischen Schuldentilgungsfonds zu Eigen. Dabei müssten die Staaten gegenseitig für einen Teil ihrer Kredite einstehen. Am Ende bekommt Steinmeier spürbar weniger Beifall als Schmidt. Aber das war ja auch nicht der Maßstab.