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| 08:02 Uhr

Der alte Mann und die Meere

78 Jahre Leben – Romane könnte man schreiben über das, was ein Mensch in solchen Zeiträumen erlebt. Benno Pludra, der wohl bedeutendste Kinderbuchautor der DDR, würde den Stoff dafür schon liefern: Anekdoten, Philosophisches, dazu Ansichten, durch zwei Systeme geprägt, die jedes auf seine Art Verzicht und Disziplin predigten. Doch das, was der Mann aus Lauchhammer heute zu erzählen weiß, klingt anders. Klingt nach einem Leben, das die Schwere kennen lernte und sich doch stets ins Leichte neigte. Von Andrea Hilscher


Es scheint, als brauchte Benno Pludra diesen Spannungsbogen zwischen hart und weich, zwischen gut und böse, um zu schaffen, was ihm wichtig war und ist: Bücher zu schreiben für Kinder.
Er sitzt in seinem Garten im Potsdamer Norden. Links der Nedlitzer Forst, rechts das Ufer des Weißen Sees. Wilde Brombeeren kämpfen mit alten Apfelbäumen um einen Platz an der Sonne, neben dem Tisch das "Neue Deutschland". Paradies mit Schattenseiten: Pludras Frau ist nach einem Schlaganfall noch nicht wieder auf den Beinen, ihn plagt der Ischias, selbst das Schreiben lässt er dieser Tage sein. "Wenn etwas Zeit vergangen ist, hole ich alles wieder aus der Schublade und schaue nach,
was es wert ist, fertig geschrieben zu werden."
Wache Augen, charmante Sprüche
Zart wirkt er, das charakteristische weiße Haar noch immer dicht, das Jeanshemd passt zu den wachen Augen und den flott-charmanten Sprüchen. Doch auch sie täuschen nicht darüber hinweg, dass hier ein alter Mensch sitzt.
Geboren 1925 in Mückenberg bei Lauchhammer, einem Ort, dessen Namen heute kaum noch jemand kennt, selbst Lauchhammer hieß damals noch nicht Lauchhammer. "Idyllisch war es, ich habe sehr romantische Erinnerungen an meine Kindheit. Die Teiche in der Umgebung, die haben mir die Liebe zum Meer ins Herz geblasen."
Mit 16 ging er nach Hamburg, um es endlich kennen zu lernen, dieses verlockende Meer. "Mein Vater machte Überstunden, um mir das Geld für die Seemannsschule geben zu können." Auf dem Segelschulschiff "Padua" absolvierte Pludra seine Matrosenausbildung, heuerte dann auf einem Frachter an, der Wehrmachtstationen in Norwegen mit Kohle versorgte. "Bis heute", so sagt er, "bin ich überzeugt, dass das Meer für mich damals die einzig richtige Entscheidung war. Glücklich ist doch der,
der gleich zu Beginn des Lebens die für ihn passende Richtung findet."
Doch die Seefahrt allein füllte den Jungen nicht aus. "Ich schrieb. Über Abenteuer, Liebe, Eifersucht und immer wieder über das Meer." Dem Kapitän war der schreibende Matrose nicht geheuer, "wer schreibt, weckt immer Misstrauen. Erst bei den oberen Schichten, später bei der DDR-Führung. Alle wollten mir auf die Finger gucken."
Bis zu dem "später" sollten allerdings noch einige ereignisreiche Jahre vergehen: Die Torpedierung des eigenen Schiffes, Heimkehr zu den Eltern, die nach dem Krieg in die Villa eines Unternehmers eingewiesen wurden. "Der war ein Hitlerfreund", sagt Pludra, "aber damals störte mich das nicht. Er hatte Unmengen von Büchern im Regal, die ich verschlungen habe."
Dann, aus Mangel an Alternativen, die Junglehrerausbildung. "Hatte ich keinen Bock drauf, war dann aber doch ganz lustig." Unstillbarer Bildungshunger, Abitur nachgeholt, sich vom Schwager nach Berlin zum Studium locken lassen. Zu wenig gelernt, zu oft ins Kino gegangen, Prüfung nicht bestanden. "Da stand die Pflicht plötzlich drohend vor mir, das schlechte Gefühl, die Mutlosigkeit." Lieber flüchten, auf eine Redakteurstelle bei der Rundfunkzeitung. Politisch immer korrekt, trotzdem zum Einkaufen und Bummeln in den Westen gefahren.
Erinnerungen an alte Freunde, Namen, die heute kaum noch jemand kennt. Witze über die Tücken der Systeme, die Realitätsferne der Medien. Pointenreich weiß Pludra zu erzählen. Doch wie aus dem Hitlerjungen das SED-Mitglied wurde, und später dann ein Autor, der zur Zeit des Mauerbaus ein Buch über einen kleinen Jungen auf Hiddensee schrieb?
Die Details seines Lebens sind ihm noch erinnerlich, doch die großen Linien verlieren sich in der Vergangenheit des Benno Pludra. "Aber eben diesen kleinen Matten aus der Zeit des Mauerbaus", das weiß und fühlt Pludra bis heute, "den hab' ich von allen meinen Figuren am liebsten gehabt. So ein kleines Kind mit so einem großen Kummer. Wer hat denn schon damals nach den Sorgen der Lütten gefragt? Doch nur wir Schriftsteller."
Ihren Ton, den Ton der Jugend, hat er immer gefunden. "Wenn ich aber plötzlich etwas Kämpferisches für die Partei schreiben sollte, ist mir nichts eingefallen. Meine Themen konnte ich mir nicht suchen, die mussten mir immer entgegenkommen."
Er lacht, erinnert sich wieder an so viele Menschen, die seine Wege kreuzten. Redet über Strittmatter, den er immer und immer wieder liest, weil er so exakt arbeitet. Sinniert über die Gratwanderung zwischen Themen, die das Herz berühren, und dem "Gefühlskitsch, vor dem man sich hüten muss."
Es ist kühl geworden, Pludra zieht seine Jeansjacke über. "Wegen dem Ischias." Gern hätte er noch länger geredet über sein Leben. "Da klärt sich so vieles, was sonst ungedacht bleibt." Aber vielleicht sind 78 Jahre Leben einfach zu viel, um sie in Gänze zu überdenken.

"Wer schreibt, weckt immer Misstrauen. Alle wollten mir auf die Finger gucken."

Benno Pludra

Biografie
Schreibend leben
Benno Pludra wurde am 1. Oktober 1925 in Mückenberg bei Lauchhammer geboren.
Er geht 1941 zur Hamburger Seemannsschule, fährt bis zum Kriegsende zur See.
1945 Junglehrer-Ausbildung, anschließend unterrichtet er an der Volksschule Großenhain, später Wechsel zur Arbeiter- und Bauernfakultät in Halle.
1948 geht Pludra zum Philosophiestudium nach Berlin, nach der Zwischenprüfung wechselt er zur Rundfunkzeitung, später arbeitet er als freier Schriftsteller.
Benno Pludra hat fast 40 Kinder- und Jugendbücher verfasst, sie wurden in 32 Sprachen übersetzt. Die Defa verfilmte unter anderen "Reise nach Sundevit", "Bootsmann auf der Scholle" und "Lütt Matten und die weiße Muschel".
Pludras Bücher wurden vor und nach der Wende mit zahlreichen Preisen gewürdigt, zuletzt erhielt er das "Berliner Erich Kästner Stipendium" für sein Lebenswerk. Der Vater von zwei Söhnen wohnt mit seiner Frau in Potsdam.