Müssen Bundesliga-Trainer die Mülleimer für eine ganze Republik sein? Nein. Das jedenfalls hat Bruno Labbadia als Coach des VfB Stuttgart so für sich entschieden und eine viel zitierte "Am Arsch geleckt"-Rede gehalten. Labbadia hat für diesen Auftritt viel Zustimmung aus der Trainergilde bekommen. Egal ob Jürgen Klopp, Thomas Schaaf oder Armin Veh, alle skizzieren sich in ihrer Zunft als Zielscheibe von sensationslüsternen Journalisten, ahnungslosen Geldgebern und unersättlichen Fans. Und alle würden wohl dennoch jenes Fazit von Filmemacher Aljoscha Pause unterschreiben, der im RUNDSCHAU-Interview erklärte: "Es ist ein geiler, brutaler Job."

Pause hat den eindrucksvollen Dokumentarfilm "Trainer!" über diesen so zwiespältigen Beruf gedreht, den am Montagabend mehr als 300 Zuschauer im Cottbuser Kino "Weltspiegel" sehen wollen. Auf Einladung von FuPa Brandenburg verfolgen die Gäste, wie Klopp und Kollegen auf der Leinwand einerseits mit strahlenden Augen von ihrer größten Leidenschaft, ihrer Passion als Trainer berichten, andererseits aber das mörderische Geschäft ohne moralische Werte beklagen.

Druck, Druck, Druck - als Zuschauer hat man zeitweise das beklemmende Gefühl, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis bei einem der Protagonisten mal das Ventil wegfliegt. Ist es wirklich so schlimm, Fußballtrainer zu sein?

Bremens Ex-Trainer Thomas Schaaf stellt eine Frage, die zum Nachdenken anregt: "Unsere Arbeit wird täglich öffentlich bewertet, wo gibt es das sonst noch?" Der erste Reflex ist bestätigendes Kopfschütteln: Das gibt es tatsächlich nirgends. Doch was ist eigentlich mit der Bundeskanzlerin? Dem Chirurgen im OP-Saal? Der Lehrerin in der Schule? Dem Lokführer bei der Bahn? Dem Handwerker im Kleinstbetrieb? Oder auch dem RUNDSCHAU-Reporter? Müssen nicht alle täglich eine Arbeit abliefern, die dann von einer mal größeren oder eben mal kleineren Öffentlichkeit bewertet wird?

Sei es drum. Fußballtrainer werden schließlich nicht dafür bezahlt, komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge objektiv aufzuschlüsseln. Sie müssen in ihrem eigenen, komplexen Kosmos klarkommen - in dem sich alles um den Ball dreht. Filmemacher Aljoscha Pause fliegt tief hinein in diesen Kosmos, beobachtet drei Trainer hautnah. Selbst Sönke Wortmanns "Sommermärchen", in dem Jürgen Klinsmann den Gegner "durch die Wand knallen" wollte, wirkt im Gegensatz zu "Trainer!" glattgebügelt.

Dass mit André Schubert (St. Pauli) und Stephan Schmidt (Paderborn) zwei Trainer von Liga-Konkurrenten des FC Energie im Mittelpunkt stehen, macht die Sache noch interessanter. Zumal FCE-Trainer Rudi Bommer zur anschließenden Gesprächsrunde mit FuPa-Redaktionsleiter Sven Bock sowie Trainerausbilder und Nachwuchscoach Mathias König vom 1. FC Frankfurt und dem Cottbuser Trainernovizen Randy Gottwald zu Gast ist.

Bommer sieht müde aus, sein Tag war lang. Morgens das Training, mühsame Aufbauarbeit nach dem schlechtesten Saisonstart der Vereinsgeschichte. Nachmittags Sitzung von Präsidium und Verwaltungsrat, Bommer muss sein Konzept erklären. Angesichts des drohenden Abstiegskampfes keine angenehme Aufgabe.

Druck? Bommer erlebt gerade, wie groß der sein kann. Am Freitag gegen Bochum muss ein Sieg her - sonst könnte es für den Trainer eng werden. Trotzdem ist Bommer am Montagabend gekommen. Was er zugesagt hat, hält er - Respekt.

Was denkt der Cottbuser über den Film, dessen Kameras er nach eigener Aussage nicht in seine Kabine gelassen hätte? Der sei noch zu harmlos, so Bommer. Er berichtet von bisher 16 Umzügen in seinem wechselhaften Berufsleben. Von 60-Stunden-Wochen ohne Auszeit, ohne Wochenende.

Er spricht von Spielerberatern, die nach 23 Uhr noch anrufen und unflätig werden, wenn man deren Profis nicht haben will. Er erzählt davon, dass die Familie, vor allem die Kinder, bei Misserfolgen stark zu leiden hätten. So musste seine Tochter Jennifer bei seiner Amtszeit in Duisburg wegen des öffentlichen Drucks sogar psychologische Betreuung in Anspruch nehmen. Und er spricht sogar von Morddrohungen.

Bommer ist schonungslos: "Man muss einfach damit umgehen können, dass man in diesem Beruf öfter mal der Depp ist." Der 56-Jährige lässt die Hände fallen, niemand im Publikum mag in diesem Augenblick wohl mit ihm tauschen. Manchmal ist man als Bundesliga-Trainer wohl tatsächlich Mülleimer.

Randy Gottwald, der gerade seine C-Lizenz als Trainer erworben hat, gibt zu: "Nach der Ausbildung hätte ich am liebsten sofort ein Team übernommen. Aber nach dem Film kommt man ins Grübeln."

Doch keine Angst. Auch Bommers Augen werden gleich leuchten, und er sagt: "Das ist trotzdem ein richtig geiler Job."

Verrückt, offenbar werden beim DFB-Lehrgang nicht nur die neuesten Erkenntnisse der Trainingslehre vermittelt, sondern auch gleich noch ein paar Ampullen Endorphine verteilt. Bommer, seit 35 Jahren im Geschäft und seit 21 Jahren Trainer, gibt zu: "Das ist wie eine Sucht. Der Beruf lässt dich nicht los."

Offenbar macht diese Aufgabe nicht nur in Profikreisen süchtig. Auch die Augen von Mathias König leuchten im "Weltspiegel", genau wie vorhin die von Rudi Bommer oder auch die von Jürgen Klopp auf der Leinwand. König ist Lehrertrainer an der Sportschule in Frankfurt (Oder) und es ist ihm regelrecht anzumerken, wie sehr er diese Aufgabe liebt und lebt.

Er spricht von "oben und unten", wenn er zwischen Profi-Fußball und Amateursport unterscheidet. Und die unten haben auch ihre Probleme, gerade im Nachwuchs. Da gebe es zwar nicht die bösen Medien - aber die Eltern, mit denen man als Trainer erst einmal klarkommen müsse.

König kommt mit ihnen klar, wenn man so will, ist er ein Trainer der alten Schule. Er behauptet: "Bei der Ausbildung habe ich Psychologie abgewählt." Das ist natürlich Quatsch. Alle drei Gesprächsgäste sind sich einig, dass ein Trainer in diesen Tagen hauptsächlich auch als Psychologe arbeiten muss. Doch König hat seine Prinzipien. So habe er zuletzt bei einer seiner Mannschaften im Trainingslager in Uebigau (Elbe-Elster) alle Handys eingesammelt. Computer oder Spielkonsolen waren ebenfalls nicht erlaubt. König berichtet glückstrahlend: "Die Jungs haben sich auf dem Weg zum Essen unterhalten. Oder abends mal ein Brettspiel gespielt - ohne psychische Schäden davonzutragen."

Apropos Psyche, wie lange kann eigentlich ein Trainer den ständigen Druck aushalten? Rudi Bommer grinst, denkt kurz nach. Er weiß, dass seine Worte aktuell auf die Goldwaage gelegt werden könnten: "Es ist wichtig, dass es mir immer noch einen Riesenspaß macht." Das klingt ehrlich, das nimmt man Bommer einfach ab. Selbst nach seinem 13-Stunden-Tag, an dem er sich vielleicht ab und an auch wie ein Mülleimer gefühlt haben mag.

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