Abwehrspieler bei Energie Cottbus. Mannschaftskapitän, in der Kabine Leitwolf, auf dem Platz nicht immer glanzvoll. Ein Verteidiger, der gerne auf Angriff setzt, gegenüber den Fans, im Verein. Provozierend naiv, pflegt er – mit einer gehörigen Portion Klugheit – das Image des einfachen Jungen.Von Andrea HilscherNein, Starallüren kann man sich nicht leisten in der Lausitz. Bodenständigkeit ist angesagt, Reihenhaus statt Luxusvilla, Korn kommt besser an als Schampus. Christian Beeck – ein Profi-Kicker zum Anfassen. Immer witzig, schnell beim Du, völlig unbeeindruckt, wenn der Bundeskanzler eben mal beim Spiel vorbeischaut.

Von seiner Jugend im Lichtenberger Plattenbau erzählt er gern, von der großen Bauern- und Fleischerfamilie, die ihm so wichtig ist. Will offen sein – und zeigt doch mit jedem Satz, dass ihn das Leben hart gemacht hat und misstrauisch. Sogar die Mutter bekommt das zu spüren, hin und wieder, am Telefon. Ich habe mich so daran gewöhnt, hinter einem Schutzschild zu leben, immer auf Abwehr gepolt. Da fällt es manchmal schwer, wieder umzuschalten. Ein prüfender Mensch sei er, übervorsichtig, wenn es darum geht, jemanden an sich heranzulassen. Zu vielen Märchenerzählern sei er schon begegnet, zu oft wollten sich andere schmücken mit der Freundschaft zu einem Erstliga-Spieler. So pendelt Beeck zwischen Aggression und Rückzug. Wer ihn dumm anmacht in der Kneipe, dem gibt er Kontra. Doch auf Familienfesten, da schämt er sich fast für seinen Ruhm. Ist doch total blöd, wenn ich bei einem Geburtstagsfest oder einer Jugendweihe auftauche und plötzlich dreht sich alles nur noch um mich. Dazugehören will er, wie sein Bruder, der Fleischer, oder seine Eltern mit ihrer Datsche. Hat sich immer dagegen gewehrt, Abhängigkeiten zu schaffen durch sein Geld – Normalität ist das Ziel. Sagt einer, der seit seinem achten Lebensjahr alles daran gesetzt hat, anders zu sein. Besser als die anderen, immer vorn mit dabei.

Einer, der sich gequält hat im Trainingszentrum, um all die Disziplinfanatiker zu befriedigen. Ordnung, Pünktlichkeit, Sauberkeit, gnadenloser Leistungswille. Nur wer da mithalten konnte, hatte eine Chance, nicht ausgesiebt zu werden. Sie haben ihn geprägt, diese Trainer, mehr als das Elternhaus. Vater und Mutter habe ich maximal zwei Stunden am Tag gesehen, der Rest war Sport, sagt er und dass das Preußische in ihm immer noch die Oberhand habe. Das Zuverlässige, Disziplinierte. Nur nicht Jammern, ist seine Devise. Kaum etwas hätte ihn wohl mehr kränken können, als Eduard Geyer ihm einmal Weinerlichkeit vorgeworfen hat. Solche Blößen wird er sich wohl nicht mehr geben, in seinen letzten Jahren als Profi. Seine berüchtigt vorlaute Art, der viel zitierte Spruch von der fairen Brutalität, seine Wahl zum unfairsten Spieler der Liga, all das nagt an ihm. Ich sage immer gleich, wenn mir etwas auf den Keks geht, egal, ob zum Trainer oder zu meiner Frau. Trotzdem: Diplomatischer will er werden, Kritisches besser verpacken, ohne an Klarheit zu verlieren. Irgendwann muss man sich ja vom Niveau des Straßenjungen weg entwickeln. Als Teenager, da hat ihm die Wende den Boden unter den Füßen weggehauen. Den vorgezeichneten Weg ausgelöscht. Vier, fünf Jahre lang habe ich alle Fehler gemacht, die man nur machen konnte, sagt er. Wollte die ganz große Karriere machen, vertraute windigen Spielervermittlern. Kündigte einfach bei seinem Verein – und musste ein paar Monate später reuevoll und mit 60 000 Mark Schulden zurück zu Stahl Brandenburg.

Dass ich dann so langsam wieder auf Linie gekommen bin, habe ich wohl meiner Frau zu verdanken. Ohne sie wäre ich wohl nicht das, was ich heute bin. Marinett Beeck, früher Bankkauffrau, kümmert sich heute um die beiden Töchter Lee-Ann und Lisa-Marie. Die sind mein Ein und Alles, strahlt der stolze Vater. Alles können die beiden von mir bekommen, nur verarschen dürfen sie mich nicht, dann gibt es Ärger. Und vormachen können sie mir nichts – ich hab’ meine Grundausbildung im Plattenbau gemacht, da kennt man alle Tricks. Geflennt hat Beeck nur selten in seinem Leben. Bei der Geburt der Mädchen und dann neulich wieder, als der Hund beim Tierarzt war wegen einem Herzanfall. Der gehört ja auch irgendwie zur Familie. Die gern demonstrierte Härte verlässt ihn in solchen Momenten. Wenn jemand krank ist, werd’ ich ganz verrückt.

Dann muss ich mir schnell alles von der Seele reden, sonst geht es mir dreckig. Dem Sport treu bleibenIm Sommer, wenn die große Tochter eingeschult wird, zieht Beeck nach Ludwigsfelde. Wenn meine aktive Laufbahn beendet ist, werden wir sowieso dort leben und bis dahin kann ich pendeln. Dem Sport will er treu bleiben, wenn es geht. In drei oder vier Jahren, wenn dann endgültig alle auf dem Platz schneller sind als ich, ist Schicht im Schacht. Aber meine Erfahrungen will ich anschließend irgendwie einbringen. Ich weiß doch so viel über Marketing, über den Umgang mit Sponsoren, Spielervermittlern. Und wenn niemand seine Erfahrungen nutzen will? Dann mache ich ein Fitnessstudio auf oder eine Kneipe. Die Frau wird wieder als Bankkauffrau arbeiten, er kann endlich unerkannt in die Kneipe gehen, zum Angeln, in die Pilze oder mit Freunden mal richtig die Sau rauslassen, ohne dass es am nächsten Tag in der Zeitung steht. Ein ganz normales Leben eben.