Leere in Regalen und auf dem Schreibtisch: Das ganze Büro von Ulrich Pietsch im Dresdner Zwinger zeugt von Aufbruch. "Ich lasse es langsam angehen, ordne einiges, räume Schränke leer", sagt der Direktor der berühmten Porzellansammlung, der Ende September in den Ruhestand geht - nach 21 Jahren. "Wehmut befällt mich eigentlich nicht, denn ich habe mich immer auf das Neue gefreut." Für die Staatlichen Kunstsammlungen endet mit dem Ausscheiden des 65-Jährigen eine Ära.

"Wir verlieren einen kunsthistorischen Experten", sagt der stellvertretende Generaldirektor Dirk Syndram. Der anerkannte Meissen-Forscher habe der Sammlung nicht nur ein neues Aussehen, sondern auch einen ganz neuen Stand innerhalb der Museumswelt gegeben. Es werde nicht leicht sein, seine wissenschaftliche Kraft adäquat zu ersetzen. Die Nachfolgersuche läuft noch.

Der "Herr des Porzellans" selbst ist zufrieden: "Ich habe so viel erreichen können hier, wie ich es mir nicht vorstellen konnte." Der gebürtige Holsteiner war 1994 nach Dresden gekommen, "ein Riesenglück", wie er sagt. Seitdem hat er das prominente Museum aus dem 18. Jahrhundert mehr als umgekrempelt - mit teils gewagten Projekten. "Ich bin immer auf offene Ohren gestoßen bei denen, die die Finanzen verwalten."

Pietschs größter Coup: Er gewann den renommierten US-Architekten Pete Marino für die Ausstattung zweier Bogengalerien und des Tiersaales. "Das hat einen Riesenspaß gemacht." Und wurde genau das Gegenteil von dem, was vorher war: Lack statt weißer Wände, Purismus statt Fülle. "Von den Kollegen gab es ein bisschen Schelte", schmunzelt Pietsch. Der unaufgeregte Norddeutsche hielt das aus.

Das Ziel, zu zeigen "Porzellan ist Luxus!", war erreicht. Zumindest war es das im 18. Jahrhundert. "Es rangierte gleich hinter Gold und Silber, nicht umsonst spricht man von Weißem Gold." Damit habe die außergewöhnliche und weltweit einmalige Sammlung den ihr angemessenen Rahmen. Mit dem Wandel im Zwinger und der Neuordnung stiegen die Besucherzahlen auf das Dreifache, von 70 000 Gästen pro Jahr auf derzeit 220 000. Die Linie: eine Gegenüberstellung von ostasiatischem und Meissener Porzellan, wie vom legendären sächsischen Kurfürsten August der Starke (1670-1733) einst konzipiert. Ungern indes erinnert sich Pietsch an die Verhandlungen um die Rückgabe von Kunstwerken mit den Wettinern, die Nachfahren der früheren sächsischen Herrscher. Das gehörte zu den Enttäuschungen seiner Amtszeit.

"Die ersten Restitutionen waren schmerzliche Verluste", sagt er mit Blick auf die Tierplastiken. "Ich hätte mir schon gewünscht, dass uns die Wettiner das ein oder andere Stück als Dauerleihgabe gelassen hätten, das hätte auch ihrem Ansehen gut getan." So kosteten sie sein Team nur Kraft und Zeit, die für Aufgaben wie Forschung und Ausstellungen fehlten.

Die Flutkatastrophe 2002 dann hat ihn traumatisiert. "Ich hatte große Angst, als das Wasser immer näher kam", erinnert er sich. "Da habe ich aber auch erfahren, was Solidarität ist und wozu Menschen in Notsituationen fähig sind."

Eine positive Folge: Er konnte das Museum von Grund auf neu gestalten. "Es geht ja darum, zu erfreuen und Lust auf Wiederkommen zu wecken", meint Pietsch.

Zum Abschied will er kein großes Aufgebot. "Ich habe Gehalt bekommen, meine Chancen gehabt und goldene Zeiten erlebt", resümiert er in Vorfreude auf entspannten Ruhestand in einem alten Kaufmannshaus in der Lübecker Altstadt. "Endlich nicht mehr pendeln."