Die Botschaft ihres neuen Bildungsberichtes 2008: Der Bundesrepublik gehen die hochqualifizierten Fachkräfte aus. Die von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ausgerufene „Bildungsrepublik Deutschland“ ist nicht mehr in der Lage, aus eigener Kraft den von der Wirtschaft dringend benötigten Akademikernachwuchs auszubilden.
Dabei fehlen der Exportnation Deutschland nicht nur Ingenieure und Naturwissenschaftler, sondern auch Ärzte und Lehrer. Unter den jungen Menschen sinkt wieder die Studienneigung. Es fehlen Studienplätze. Ein hoher Numerus clausus, Studiengebühren, unzureichende materielle Unterstützung und die Unüberschaubarkeit der neuen Bachelor-Studiengänge wirken abschreckend. Im Vergleich zu 2003 gab es in Deutschland im vergangenen Jahr zwar 17 Prozent mehr Abiturienten – zugleich aber fünf Prozent weniger Studienanfänger.
Dabei wächst laut OECD-Bericht weltweit „der Hunger nach Wissen“. Fast alle der 30 wichtigsten Industrienationen haben in den vergangenen Jahren ihr Bildungssystem ausgebaut – vor allem ihre Hochschulen. Das erforderte gewaltige Investitionen. Allein zwischen 2000 und 2006 stieg im OECD-Schnitt der Anteil der erfolgreichen Hochschulabsolventen am Altersjahrgang von 28 auf 37 Prozent. Auch in der Bundesrepublik ging es voran, allerdings viel langsamer: Die deutsche Akademikerquote stieg im gleichen Zeitraum von 18 auf 21 Prozent.
Dabei sind die ständigen Hinweise der deutschen Seite auf das hohe Niveau der betrieblichen Berufsausbildung kein Heilmittel gegen den zunehmenden Akademikermangel. Die Bildungsexperten der in Paris ansässigen Wirtschaftsorganisation verweisen zudem darauf, dass das deutsche „duale System“ von Lehre im Betrieb und theoretischer Bildung in der Berufsschule den früheren Vorteil eingebüßt hat, für einen reibungslosen Übergang der jungen Menschen ins Berufsleben zu sorgen. Unter den 25- bis 29-Jährigen gibt es in Deutschland heute mehr junge Menschen ohne Beschäftigung oder Ausbildung als im Schnitt der anderen EU-Staaten.
Zugleich wachsen weltweit die Qualifikationsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt. Der Mangel an akademisch ausgebildeten Fachkräften in Deutschland gilt dabei als hausgemacht. Bildungsexperten sehen ihn als unmittelbare Folge der fast zwei Jahrzehnte vom Bund und einigen Bundesländern betriebenen Abschreckungspolitik vor dem Studium – mit Warnungen vor einer angeblichen „Akademikerschwemme“ und „Überqualifizierung“, Bafög-Einsparungen, aber auch schon Drosselung des Gymnasialzugangs. Doch die dabei von Unions-Bildungspolitikern in den 80er- und 90er-Jahren gern benutzte Kunstfigur des „taxifahrenden Dr. Arbeitslos“ blieb eine reine Stammtischfiktion.
„Der Bedarf an Hochqualifizierten ist in Deutschland kaum zu decken“, stellte die OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger gestern bei der Vorstellung des neuen Bildungsberichtes nüchtern fest. Bund und Länder wollen die Sache nun auf ihrem Bildungsgipfel am 22. Oktober in Dresden gemeinsam richten – auch wenn einige Ministerpräsidenten immer noch verschnupft sind, dass sich die Bundeskanzlerin des Themas bemächtigt hat. Doch der Ruf der deutschen Wirtschaft nach mehr Akademikern wird immer lauter.