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| 17:52 Uhr

Medizinserie
Wenn sich der Körper gleichsam selbst verdaut

FOTO: J¸rgen Vetter
Herzberg/Elsterwerda. In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 30. besondere Fall kommt aus dem Elbe-Elster-Klinikum. Von Ida Kretzschmar

Als Rita* im vergangenen Sommer mit heftigen Bauchschmerzen in die Notaufnahme Elsterwerda kommt, hängt ihr Leben am seidenen Faden. Blinddarm- und Gallenblasenentzündung werden in der Chirurgie des Klinikums Elbe-Elster schnell ausgeschlossen. Die Aufnahmen der Computertomografie indes zeigen ein dramatisches Krankheitsbild – eine schwerste Entzündung der Bauchspeicheldrüse, die gleichsam zur Auflösung des Organs führt.

„Der Grund: Die Bauchspeicheldrüse, die im Körper für die Verdauung zuständig ist, setzt unkontrolliert Saft frei, mit dem sich der Mensch innerlich selbst verdaut“, macht es Prof. Dr. med. Roland Reinehr, Ärztlicher Direktor des Elbe-Elster Klinikums, plastisch, der die Patientin später in Herzberg behandeln wird.

Vorerst aber werden in Elsterwerda alle Register der modernen Intensivmedizin gezogen. Der Zustand der Mittfünzigerin verschlechtert sich dennoch von Stunde zu Stunde. Zumal sie übergewichtig ist, bereits an Herzrhythmusstörungen, hohem Blutdruck und Diabetes leidet.

Um Herz und Kreislauf überhaupt noch am Laufen zu halten, wird sie schließlich in ein künstliches Koma versetzt. Es stellt sich heraus: Ein Gallenstein, der sich selbstständig gemacht hatte, ist wohl die Ursache für die schwere Bauchspeicheldrüsenentzündung, die auch das Binde- und Fettgewebe ringsum angreift. „Das Gefährliche an dieser Selbstverdauung ist: Der Körper wehrt sich gegen den aggressiven Saft der Bauchspeicheldrüse mit dem Ausschwitzen von Flüssigkeit aus dem Blutkreislauf in die Bauchhöhle, um den Saft zu verdünnen. Diese Flüssigkeit fehlt in den Blutgefäßen, das Herz-Kreislauf-System bricht zusammen. Es kommt zu einem lebensgefährlichen Zustand“, erläutert Prof. Reinehr.

Bei Rita kommt erschwerend hinzu: Die Laborwerte bestätigen Symp­tome einer Blutvergiftung.

Bakterien verbreiten sich über die Blutbahnen im Körper, greifen auch die anderen Organe an.

Ihre Nieren funktionieren nicht mehr. Sie muss an die Dialyse. Der Kreislauf bricht zusammen. Sie muss künstlich beatmet werden. Der Körper löst sich innerlich selbst auf. „Drei lebenswichtige Organe versagten gleichzeitig: Ihr Leben stand auf der Kippe“, erinnert sich Prof. Reinehr an die dramatische Situation.

Wie konnte man dennoch das Leben der Lausitzerin retten?

„Ubi pus, ibi evacua“ – „Wo Eiter ist, dort entleere ihn“, zitiert der Chefarzt der Inneren Abteilung am Herzberger Krankenhaus einen uralten lateinische Leitsatz, der in diesem Fall in die einzig mögliche Richtung weist.

Intensivmediziner, Anästhesisten, Chirurgen und Internisten beraten im Elbe-Elster-Klinikum über Krankenhausgrenzen hinweg gemeinsam über diesen besonderen Fall.

Schnell wird klar: Mithilfe der modernen Intensivmedizin ist in Elsterwerda alles Menschenmögliche getan worden, um die Patientin zu stabilisieren.

Eine Operation an der Bauspeicheldrüse aber würde Rita kaum überstehen.

In Herzberg aber bietet die Innere Abteilung mit dem Endoskopiezentrum Süd-Brandenburg, auf Behandlungen des Verdauungssystem spezialisiert, eine Alternative.

Die schwerstkranke Patientin wird ins Nachbarkrankenhaus verlegt. „In einer erweiterten Magenspieglung konnten wir, ohne ein Messer in Anspruch zu nehmen, mithilfe der Endosonografie die Magenwand gezielt öffnen, um die Entzündungshöhle zu erreichen“, erinnert sich Prof. Reinehr.

Durch Einlage eines Platzhalter-Stents gelang es zudem, eine Verbindung zwischen Magen und der entzündeten Höhle zu erreichen. Das ermöglichte immer wieder, über natürliche Körperöffnungen den Entzündungsherd zu errreichen.

„In sechs Sitzungen wurde über eine in die Magenwand eingelegte Drainage eine monströse mit Flüssigkeit gefüllte, 20 Zentimeter große Pseudozyste entfernt, die Entzündungshöhle von abgestorbenem Gewebe befreit, gereinigt und immer wieder gespült. Beim ersten Eingriff entnommene Gewebepartikel aber offenbarten nach der feingeweblichen und mikrobiologischen Untersuchung: Wir hatten es nicht nur mit seltenen Bakterien zu tun, sondern auch mit aggressiven Pilzen, die ihr zerstörerisches Werk verrichteten“, denkt der Leiter des Endoskopiezentrums Süd-Brandenburg zurück.

Einer maßgeschneiderten Therapie stand nun nichts mehr im Wege. Erstaunlich, wie sich von Mal zu Mal Herz, Lunge und Nieren erholten und die Patientin regelrecht zu neuem Leben erwachte.

Nach der sechsten endoskopischen Sitzung konnte der Stent-Platzhalter wieder entfernt werden. Auch die Bauchspeicheldrüse war, ganz ohne Operation, wieder so weit regeneriert, dass die Patientin zur Anschluss-Reha verlegt werden konnte.

„Nach sieben Wochen Intensivmedizin atmeten wir in Elsterwerda und Herzberg auf. Das Leben der Patientin war gerettet“, freut sich Prof. Reinehr über diese fachübergreifende Zusammenarbeit zweier Nachbarkrankenhäuser, die Hand in Hand das Wunder vollbracht haben, dass die schwerkranke Lausitzerin dem Tod noch einmal von der Schippe springen konnte.

www.lr-online.de/besonderer-fall

*Name und Umstände geändert