Vor nur drei Jahren sah in Japan alles nach einem politischen Neuanfang aus. Aus Frust über die wirtschaftliche Unsicherheit, endlose Skandale, Vetternwirtschaft und politischer Trägheit kehrte das Volk zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahrhundert der Liberaldemokratischen Partei (LDP) an der Wahlurne den Rücken.

Jetzt hat die LDP die Zügel der Macht wieder in der Hand - ausgerechnet jene Partei, die Japan während ihrer jahrzehntelangen fast unterbrochenen Regierungszeit zu einem Schuldenstaat machte und verantwortlich ist für eine Atompolitik, bei der Sicherheitsfragen wie die in Fuku shima vernachlässigt wurden.

Doch der Wahlsieg der LDP bei der vorgezogenen Unterhauswahl bedeutet nach Ansicht von politischen Kommentatoren nicht, dass die Partei plötzlich beim Volk wieder hohe Popularität genießt. Vielmehr sei es eine Abrechnung mit der regierenden Demokratischen Partei. Die DPJ habe die Chance, die ihr die Wähler 2009 gegeben hätten, nicht genutzt. "Die Demokraten waren zwar an die Macht gekommen, aber ihre Regierungszeit war katastrophal", erklärt der Kommentator Minoru Morita die niederschmetternde Niederlage der DPJ am Sonntag.

Sorge über die Wirtschaftskrise

Dabei hatte Noda dem Volk versichert, angesichts der Katastrophe von Fukushima bis 2040 aus der Kernenergie aussteigen zu wollen. Etwas, was viele Japaner befürworten. Doch letztlich hat laut Beobachtern die Sorge über die Wirtschaftskrise viele dazu bewogen, am Ende doch wieder ihre Stimme den Liberaldemokraten, den "Profis der Macht", zu geben.

Die Hoffnung, die DPJ könne Japan aus der Krise führen und große Veränderungen im Land bewirken, ist längst breiter Desillusion gewichen. Die Wähler fühlten sich hintergangen und hielten es für eine "dumme Entscheidung", die in Regierungsfragen völlig unerfahrene Partei vor drei Jahren überhaupt gewählt zu haben. "Das ist ein Gefühl wie bei einem Heiratsschwindel", erklärt Morita. "Das ganze Volk spürt die Enttäuschung und gerade das gerät der LDP nun zum Vorteil."

Wirtschaftskrise und Fukushima

Drei Premiers haben das Land seit der Machtübernahme der DPJ regiert. Die Regierungszeit der Partei stand dabei von Anbeginn unter keinem guten Stern. Sie musste ebenso mit den Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise kämpfen wie mit den Folgen der Atomkatastrophe in Fukushima nach dem verheerenden Erdbeben und Tsunami vom 11. März 2011. Hinzu kommen die angespannten Beziehungen zu China, Südkorea und dem eigenen Bündnispartner USA, die jedoch zum Teil selbst verschuldet sind.

Gerade die in jüngster Zeit wiederaufgeflammten Inselstreitigkeiten mit China und Südkorea spielten Politikern wie LDP-Chef Abe in die Hände. Sie befürworten eine Änderung der pazifistischen Nachkriegsverfassung und eine härtere Linie gegenüber den Nachbarstaaten. Der 58 Jahre alte frühere Premier Abe, der 2007 nach nur einem Jahr wenig ruhmvoller Regierungsarbeit wegen stressbedingter Verdauungsstörungen zurückgetreten war, will unter anderem die Rolle der Selbstverteidigungsstreitkräfte stärken.

Das Comeback des rechtskonservativen Abe bedeutet aus Sicht von Kritikern einen Rückfall in das korrupte politische System der LDP. Die Partei habe sich keineswegs in den vergangenen drei Jahren erneuert, wie es der designierte Premier Abe stets versichert. Auch in der Energiepolitik halte die Dauerregierungspartei weiter an ihrem Atomkurs fest.

Aggressive Geldpolitik geplant

Abe will vor allem eine "starke Wirtschaft schaffen, um Japan wieder aufzubauen". Kritiker befürchten neue milliardenschwere öffentliche Bauaufträge, mit der die LDP in alter Manier die Wirtschaft ankurbeln wolle. Die von Noda mit Vorrang betriebene Haushaltssanierung will Abe denn auch zurückstellen. Stattdessen plant er, mit einer aggressiven Geldpolitik Japan wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Ein politischer Neuanfang sieht anders aus.

Zum Thema:
Das ostasiatische Inselreich Japan ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt und erwirtschaftete 2011 ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 5857 Milliarden US-Dollar (rund 4522 Milliarden Euro). Das BIP pro Kopf lag nach Angaben der Weltbank bei 45 180 Dollar. Bis zur Katastrophe von Fukushima im März 2011 stellte Japan die Nutzung der Atomenergie nie infrage, sondern baute sie stetig aus. Nach dem Unglück wurden zeitweise alle 50 einsatzfähigen Atomreaktoren im Land zu Wartungsarbeiten abgeschaltet. Bis dahin hatten die Atomkraftwerke 30 Prozent des Strombedarfs Japans gedeckt. Die erhöhte Einfuhr von Erdgas und Rohöl trug dazu bei, dass Japan 2011 erstmals seit mehr als 30 Jahren ein Defizit in der Handelsbilanz auswies. Japanischen Exporten von 823,2 Milliarden Dollar (vor allem Maschinen, Autos und Elektronik) standen Einfuhren von 855,4 Milliarden (Erdöl, Elektronik, chemische Erzeugnisse, Rohstoffe) gegenüber. dpa/bl