Das Denkmal ist wuchtig. Der drei Meter hohe Eisenkoloss ähnelt einer Eisenbahnschiene und soll die ganze Wucht des Frontalzusammenstoßes zweier Züge symbolisieren. Anfang Oktober wird die Skulptur nahe jener Stelle im oberbayerischen Bad Aibling aufgestellt, wo sich vor einem halben Jahr zwei Nahverkehrszüge ineinander verkeilten. Bei einem der schwersten Zugunglücke in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands wurden zwölf Menschen getötet und fast 90 verletzt. Nur allmählich überwinden die Menschen in dem beschaulichen Kurort am Alpenrand den Schock. Für einen Feuerwehrmann war die seelische Belastung zu hoch - er quittierte den Dienst.

Geschaffen hat das Denkmal der Bildhauer Franz F. Wörle aus dem nahen Straußdorf. Er interpretiert die rostige Stele als Tor. "Die Opfer haben ein Tor durchschritten, ein Tor vom Leben in den Tod", sagt der Künstler. "Es ist ein Übergang in eine andere Dimension." Wörle fühlt sich geehrt über den Auftrag, spürt aber auch Verantwortung. "Dadurch nehme ich intensiv an den Folgen dieses Unglücks teil."

Faschingsdienstag, 9. Februar, morgens um halb sieben. Auf der Strecke zwischen Holzkirchen und Rosenheim ist nicht viel los. Es sind Ferien, deshalb sitzen keine Schüler im Zug, etliche Berufspendler haben sich freigenommen. Der Fahrdienstleiter in Bad Aibling muss in erster Linie dafür sorgen, dass sich die Züge auf der ansonsten eingleisigen Strecke an einem Bahnhof begegnen, wo mindestens zwei Gleise sind - Alltag für den erfahrenen Mitarbeiter.

Doch der Mitarbeiter der Deutschen Bahn spielt an jenem nasskalten Morgen mit seinem Handy. Davon wohl abgelenkt, macht er einen verhängnisvollen Fehler. Er setzt ein falsches Signal und lässt die beiden Züge zwischen Bad Aibling und Kolbermoor ungebremst aufeinander zu rasen. Als er den Irrtum bemerkt, drückt er auch noch den falschen Alarmknopf, wie die Ermittlungen ergeben.

Der Notruf erreicht die Lokführer nicht. Mit einem weithin hörbaren Knall krachen die beiden Züge der Privatbahn Meridian kurz vor sieben Uhr ineinander. Ermittlern bietet sich ein Bild des Schreckens. Schnell wird ihnen klar, dass das verheerende Unglück auf menschliches Versagen zurückgeht. Wenige Tage nach dem Zusammenstoß sagt Oberstaatsanwalt Jürgen Branz: "Was wir momentan haben, ist ein furchtbares Einzelversagen."

Zu dem Zeitpunkt ist der Adressat dieser Worte auf freiem Fuß, wird von der Bahn an einem geheimen Ort betreut. Er soll sicher sein vor möglicher Selbstjustiz in einer emotional aufgeladenen Situation. Bahnmanager berichten indessen, Hinterbliebene der Todesopfer hätten geschrieben, dass ihnen bei aller Trauer um ihre Liebsten der Fahrdienstleiter leidtue - trotz des fatalen Fehlers.

Doch zwei Monate später platzt schließlich die Bombe: Beim Auslesen der Daten auf dem Smartphone des Fahrdienstleiters stellen die Ermittler fest, dass der Mann vor dem Unfall auf seinem Handy spielte. Der Ermittlungsrichter schickt den 39-Jährigen in Untersuchungshaft. Aus Mitleid wird Wut.

Gut fünf Monate nach dem Unglück erhebt die Staatsanwaltschaft Traunstein Anklage gegen den Mann. Der Vorwurf: fahrlässige Tötung in zwölf Fällen und fahrlässige Körperverletzung in 89 Fällen.

Der Prozess könnte noch in diesem Herbst beginnen.