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Jetzt 2030 in den Blick nehmen
Energieagentur-Chef Kuhlmann über verpasste Klimaschutzziele und die Aufgaben der neuen Koalition

Berlin. Deutschland wird das für 2020 gesteckte Klimaziel weit verfehlen. Statt einem Minus von 40 Prozent CO2-Ausstoß werden es nur 32,5 Prozent sein – oder weniger. Das behaupten nicht Ökoaktivisten, das ist die jüngste Prognose des Umweltministeriums selbst. Unser Berliner Korrespondenten Werner Kolhoff sprach mit dem Chef der Deutschen Energieagentur (Dena), Andreas Kuhlmann, über Ursachen und Konsequenzen. Von Werner Kolhoff

Teilen Sie die Einschätzung des Umweltministeriums?

Auf jeden Fall. Aber eine Überraschung ist es nicht. Man wird sicher noch etwas aufholen können, aber wir werden unter 40 Prozent bleiben.

Die Vergleichsgröße ist ja immer das Jahr 1990. Wie viel von den 32,5 Prozent geht denn auf das Konto der zusammengebrochenen DDR-Industrie?

Ein ganz erheblicher Teil, vor allem in den ersten Jahren nach 1990. Aber es gab dann auch Fortschritte. Doch wie wir wissen, bei weitem nicht ausreichend, um das eigentliche Ziel zu erreichen.

Dann hat die große Energiewende gar nicht zu einer Klimawende geführt.

Energiewende hat stattgefunden und ist weiterhin ein spannendes Innovationsprojekt. Aber sie hat nicht ausreichend zur Vermeidung von CO2 geführt. Jetzt ist der richtige Moment, vieles neu zu sortieren. Mehr marktwirtschaftliche Elemente und mehr Fokussierung. Und auch der Katalog von Abgaben und Umlagen muss neu sortiert werden, um die richtige Lenkungswirkung zu erzielen.

Muss die neue Regierung schneller aus der Kohle aussteigen?

Wenn wir den ökonomischen Rahmen richtig setzen, dann wird der Markt ohnehin dafür sorgen, dass die die Kohleverstromung deutlich vor 2050 zu einem Ende kommt. Aus dieser Perspektive wäre ein Nachsteuern nicht erforderlich. Aber: Mit einem politisch verhandelten Kohleausstieg ließe sich der Prozess beschleunigen. Das wird sicher Gegenstand der Koalitionsverhandlungen sein. Die Ziele für 2020 sind sicher wichtig. Noch wichtiger aber wäre ein verlässlicher Pfad für die Ziele bis 2030 und darüber hinaus.

Da lautet die Vorgabe Minus 55 Prozent. Und das soll leichter machbar sein?

Nicht leichter, aber es ist realistischer und ökonomisch sinnvoller. Mit unserer Dena-Leitstudie zeigen wir, dass auch dafür die bestehenden Maßnahmen nicht ausreichen. Aber der Transformationspfad für 2030 ist immer noch realisierbar und auch mehrheitsfähig.

Gehört dazu auch der Ausbau der E-Mobilität? Im Verkehrsbereich ist nichts vorangegangen.

Die Elektromobilität wird ihren Weg finden – schneller als viele heute denken. Aber andere Antriebsarten werden auch noch wichtig sein. Auch hier gilt: Mehr Fokus auf CO2-Reduzierung, ein besserer ökonomischer Rahmen und mehr Glaube an die deutsche Ingenieurskunst.

Was schlagen Sie für den Gebäudebereich vor? Muss die neue Jamaika-Koalition endlich die steuerliche Absetzbarkeit der energetischen Sanierung einführen?

Die Kanzlerin hat ja schon angekündigt, das Thema wieder auf die Tagesordnung zu setzen. Ich halte das für unabdingbar. Der damalige Vorschlag sah eine Absetzbarkeit von jährlich zehn Prozent der Kosten über zehn Jahre vor und ist dennoch gescheitert. Der nächste Ansatz muss deutlich mutiger sein, um Wirkung zu erzielen. Also eine höhere Abschreibung über weniger Jahre. Das kann auch noch auf die Klimabilanz 2020 einzahlen, wenn es jetzt schnell geht.

Ist Deutschlands Rolle als Klimaschutzweltmeister ausgespielt?

Naja, wir sind ja noch mitten im Turnier. Man sollte den Fortschritt nicht allein am Erreichen momentaner Reduktionsziele messen. Klimapolitik ist mehr. Es geht um neue Technologien, um neue Systeme, um neue Märkte, neue Strukturen und auch neues Denken. Da ist Deutschland nach wie vor nicht schlecht aufgestellt.