Sorbisch-wendische Traditionen sind Markenzeichen für die Lausitz. Was von Touristik-Vermarktern heute gerne holzschnittartig als anheimelnde Brauchtumspflege marketinggerecht vereinfacht wird, sind in Wahrheit die bunten und manchmal auch skurrilen Rudimente eines ganzen Volkes. Es sind nur winzige Mosaikstücke einer langen, wechselvollen und facettenreichen Geschichte der Sorben und Wenden, die hinter bunten Ostereiern und aufwendigen, farbenfrohen Festtagstrachten zu verschwinden droht.

Tatsächlich aber ist die eigene Sprache das wichtigste Identitätsmerkmal für das kleine Volk, das einst das Gebiet des heutigen Ostsachsens und Südbrandenburgs besiedelte und kultivierte.

Diese Sprache droht unweigerlich zu verschwinden. Immer kleiner wird nämlich der Kreis derer, die sich auf Nieder- oder Obersorbisch miteinander verständigen können.

Offiziell gibt es in Deutschland neben dem Sorbisch drei weitere in einer Charta des Europarates anerkannte Minderheitensprachen. Dazu gehört neben Friesisch und Dänisch auch das von den Roma gesprochene Romanes. Hinzu kommt Nieder- oder Plattdeutsch als eine eigene Regionalsprache.

All diesen Sprachen droht das gleiche traurige Schicksal. Selbst das niederdeutsche Platt, das vor einigen Jahren noch millionenfach vor allem im Norden Deutschlands im Alltag gesprochen wurde, droht zu verschwinden.

Eine Ausnahme ist lediglich das in Schleswig gesprochene Dänisch, das durch die Nähe zum Muttersprachenland lebendig bleibt.

Mitglieder aller nationalen Minderheiten trafen sich deshalb kürzlich in Berlin, um gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie Deutschland auch in Zukunft mehrsprachig bleiben kann. Eingeladen zu dieser Sprachenkonferenz hatten der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Hartmut Koschyk (CDU) und der nationale Minderheitenrat.

"Minderheitenpolitik ist nicht Folklore", betonte Koschyk in seiner Begrüßung. " Sie ist vielmehr gelebte Tradition."

Vor allem die Gleichgültigkeit

Als Schirmherr der Veranstaltung sprach Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) zu den Teilnehmern. Er war es auch, der die Ursachen für das seit Jahren grassierende Sprachen-Sterben auf dem Globus deutlich benannte: "Es sind die Globalisierung, die Digitalisierung und vor allem auch die Gleichgültigkeit, die die nationale Sprachenvielfalt in vielen Ländern der Welt verschwinden lässt. Das ist ein bedrohlicher Zustand. Denn Sprache hat eben auch etwas mit Identität zu tun", sagte Lammert.

Und die Luxemburgerin Andrea Willi, die in einem Expertenkomitee für Minderheitensprachen im Europarat arbeitet, ergänzte noch die extrem gestiegene "Mobilität der Menschen", die ein Aussterben alteingesessener Sprachen und Dialekte beschleunige.

Willi lobte die vor allem im Freistaat Sachsen recht erfolgreichen Bemühungen zur Rettung der obersorbischen Sprache. Dazu trage vor allem auch die Lehrerausbildung an der Universität in Leipzig bei. Gleichzeitig verwies sie aber auf die prekäre Situation in der Niederlausitz, wo das Niedersorbische im Alltag auch in den Dörfern immer mehr verschwinde.

In diesem Zusammenhang forderte Brandenburgs Kulturstaatssekretär Martin Gorholt (SPD) aber auch, dass dabei mehr Initiative von der sorbischen Minderheit selbst kommen müsse.

Zum Abschluss wurde bei dem Berliner Treffen der deutschen nationalen Minderheiten an die Politiker ein Grundsatzpapier übergeben. Bundestagspräsident Norbert Lammert, der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), mehrere Landesminister und die Vertreter der nationalen Minderheiten wollen damit den Startpunkt für eine gesamtgesellschaftliche Initiative zur Rettung der Minderheitensprachen setzen.

Die sieben Punkte des Dokumentes sollen helfen zu retten, was an Sprachenidentität der Minderheiten in unserer Zeit noch zu retten ist. Gefordert wird darin beispielsweise eine abgestimmte Sprachenpolitik zwischen Minderheiten, Bund und Ländern. Alle Beteiligten sollen alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um die selbstständigen Sprachen optimal zu fördern. Dabei gehe es nicht nur um einzelne Angebote nur in Kitas oder Schulen. Vielmehr solle ein System aufgebaut werden, das Interessenten ein "lebenslanges Lernen" der autochthonen (alteingesessenen) Sprachen ermöglicht.

Mit einer deutschlandweiten Kampagne sollen die Menschen in Deutschland auf die Stärken und Traditionen der im Land historisch gewachsenen Vielsprachigkeit aufmerksam gemacht und umfassend informiert werden.

Mehr Engagement forderten die Teilnehmer der Berliner Minderheitenkonferenz außerdem von den öffentlich-rechtlichen Medienanstalten. Sie müssten ihrer Verantwortung zur Pflege der deutschen Sprachenvielfalt in vielen Bereichen besser gerecht werden. Die Minderheiten wollen in den Gremien der Sender mitreden, wenn es um neue Ideen und Formate dabei geht.

Brücken über Ländergrenzen

"Mehrsprachigkeit steht für den europäischen Geist, sie kann ideal Brücken bauen über Ländergrenzen hinweg", brachte es der Domowina-Vorsitzende David Statnik am Ende der Sprachenkonferenz auf den Punkt. Der Lausitzer Statnik ist derzeit Vorsitzender des Minderheitenrates. In dieser Funktion fordert er eine engere Zusammenarbeit aller Beteiligten und mehr rechtliche Sicherheit für die Minderheiten. Bund und Länder müssten sich ihrer Verantwortung für den Sprachenerhalt endlich bewusst werden, damit Deutschland ein buntes Land bleibe.

Zum Thema:
Ein Video zu der Konferenz des deutschen Minderheitenrates finden Sie unter Im Internet: www.lr-online.de/videodestages Was ein QR-Code ist und wie er funktioniert, erfahren Sie unter www.lr-online.de/qrcode