Das traditionelle islamische Recht - die Scharia - stelle die Frau auch im Familienrecht oder als Zeugin vor Gericht schlechter.
Auf einer Konferenz stimmten muslimische Frauenrechtlerinnen und Wissenschaftlerinnen kürzlich in Köln überein, dass sie sich von Islamisten nicht auf eine passive und weitgehend rechtlose Rolle reduzieren lassen wollen. Stattdessen treten sie in ihren Gesellschaften für eine aktive, gleichberechtigte Rolle der Frauen ein. Dabei unterschieden die meisten von ihnen zwischen der Religion, die sie für nicht frauenfeindlich halten, und den Einflüssen einer von Männern dominierten Gesellschaft.
In ihrem Kampf gehen die Musliminnen aber unterschiedliche Wege. In Marokko erreichten Frauenorganisationen nach jahrelanger politischer Arbeit das modernste Familienrecht der arabischen Welt. Damit seien viele der einstigen Benachteiligungen von Frauen ausgeräumt und auch die Mehrehe quasi abgeschafft, betont die marokkanische Religions- und Literaturwissenschaftlerin Fatima-Zahra Zryouil. Die Entwicklung in Marokko zeigt laut Zryouil "den Zusammenhang zwischen dem Kampf der Frauen und dem Wunsch der Marokkaner nach Demokratie einerseits und die wichtige Rolle der Frauen beim Entstehen der Zivilgesellschaft andererseits".
Die Frauen des Kölner Zentrums für Islamische Frauenforschung und Frauenförderung setzen dagegen auf theologische Arbeit. Sie bemühen sich um eine neue, frauenfreundlichere Deutung des Koran. So lasse die arabische Formulierung in der vierten Sure, wonach der Mann seine widerspenstige Frau züchtigen dürfe, auch eine andere Interpretion zu. Die Passage muss nach Ansicht des Kölner Zentrums vielmehr so verstanden werden, dass im Falle eines schweren Ehezerwürfnisses die Scheidung empfohlen wird.
Islamisten lehnen moderne Deutungen ihrer Offenbarungsschrift strikt ab. Sie wollten stattdessen ein mehr als tausendjähriges, arabisches Islamverständnis durchsetzen, sagt die Malaysierin Zarizana Abdul Aziz. In ihrer Heimat hätten Islamisten bedrohlich an Einfluss gewonnen, berichtet die junge Anwältin. Während bei Begegnungen unter Malaysiern eigentlich ein Händeschütteln üblich sei, sollten Männer und Frauen einander nun nicht mehr berühren. "Es mangelt an Mut, sich dem entgegenzustellen", seufzt sie. Anstatt sich dem Islamverständnis mittelalterlicher Gelehrter zu beugen, will Abdul Aziz nach dem tieferen Sinn im Korantext forschen. "Es geht darum, den göttlichen Willen zu erkennen". Dieser Wille ziele auf eine gerechte Gesellschaft ab, ist die Malaysierin überzeugt. Wenn nur Männer den Koran auslegten, sei die Sicht auf Allahs Absicht einge schränkt.
Auch die türkischstämmige Bundestagsabgeordnete Lale Akgün ermutigt Musliminnen, das heilige Buch selbst in die Hand zu nehmen. "Es ist wichtig, dass Frauen den Koran mit dem Blick der Frau lesen", mahnt die Kölner Abgeordnete. "Es wird Zeit, dass Frauen sich die Frage stellen, welche Rolle sie in der Religion spielen", betont die SPD-Islambeauftragte. Der Islam werde zu oft missbraucht, um Frauen zu unterdrücken.