Es fehlte nur noch das Bekenntnis, dass kein Blatt zwischen die CDU-Vorsitzende und Kanzlerin Angela Merkel und die CDU-Abgeordnete und Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach passt. So einvernehmlich waren die wechselseitigen Bekundungen beim Jahresempfang des Bundes der Vertriebenen (BdV) in dem mit 600 Gästen völlig überfüllten Opernpalais in Berlin. Es war eine öffentliche Demonstration, die Geschlossenheit zeigen sollte. Eine Geschlossenheit, die während der heftigen Angriffe auf Steinbach aus Polen von manchem in den Reihen der Vertriebenen vermisst worden war.Grußwort von MerkelSie habe das von Steinbach seit Jahren mit Verve verfolgte Projekt eines Zentrums gegen Vertreibungen von Anbeginn unterstützt, bekannte Merkel. Steinbach legte es am Dienstagabend bei der Begrüßung der Kanzlerin, die sich ganz kurzfristig zu einem Grußwort entschieden hatte, darauf an, nur ja keinen Zwiespalt aufkommen zu lassen. "Deshalb sage ich es hier mit allem Nachdruck: Die deutsche Bundeskanzlerin steht an unserer Seite. Ganz herzlichen Dank dafür." Es scheint aber, als wenn es zwei Ebenen der Wahrnehmung gibt, eine öffentliche und eine nichtöffentliche. Es wäre gut gewesen, hätte sich Merkel schon vorher für Steinbach eingesetzt, so die Reaktion eines Teilnehmers auf das Kanzlerin-Grußwort - keine Einzelmeinung.Als eine zum Teil völlig überdrehte Debatte über Steinbach hereinbrach, bei der manche polnische Medien ein Zerrbild der streitbaren Vertriebenen-Präsidentin zeichneten, stand die Regierungschefin vor einem Dilemma: das sensible deutsch-polnische Verhältnis nicht zu belasten, die Vertriebenen nicht zu verprellen und auch noch das Verhältnis zum Koalitionspartner SPD zu beachten, der ständig Pfeile gegen Steinbach abschoss. Nur vorläufiger VerzichtMit öffentlichen Bekundungen hielt sich Merkel zurück. Es kam dann das, was sich schon lange abzeichnete. Steinbach verzichtete auf einen Sitz im Stiftungsrat der Vertriebenen-Gedenkstätte.Aber damit ist der Streit nicht aus der Welt. Denn Steinbach lässt überhaupt keinen Zweifel daran, dass dieser Verzicht nur den Umständen geschuldet und damit vorläufig ist. "Wir behalten uns jederzeit vor, eine Wiederbenennung für den jetzt freien Stuhl vorzunehmen." Das wird mit der SPD nicht zu machen sein, auch wenn Merkel dem BdV sein Besetzungsrecht zugesteht.Steinbach rechnet es ihrem Bemühen zu, dass das Zentrum gegen Vertreibungen, an dessen Konzeption auch der inzwischen gestorbene SPD-Vordenker Peter Glotz maßgeblich mitgearbeitet hatte, jetzt zu der Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" geführt hat. Damit sei die Vertreibung "im historischen Erinnerungsbogen des deutschen Volkes verankert".Kongress der CDU/CSUEs war ein passendes Zusammentreffen, dass dem BdV-Jahresempfang am Tag darauf die BdV-Bundesversammlung und gleich anschließend ein Kongress der CDU/CSU-Bundestagsfraktion folgte. "Wandel durch Erinnerung" nannte die Fraktion ihre Veranstaltung, was natürlich sofort die Assoziation zu dem im historischen Gedächtnis gespeicherten Schlagwort "Wandel durch Annäherung" hervorrief. Damit hatte der SPD-Politiker Egon Bahr die Aussöhnungspolitik beschrieben, die ab 1969 gegen den Widerstand der Union die sozialliberale Regierung unter Kanzler Willy Brandt (SPD) betrieb. Nach der äußeren will die Union nun für die innere Aussöhnung sorgen. Die von der Fraktion geladene Autorin Petra Reski, ein Kind von Vertriebenen, deutete an, was damit gemeint sein könnte. "Ich möchte nicht das Schicksal meiner Eltern erleiden: am Wohnzimmertisch sitzen, das Ostpreußenlied singen und dann weinen."