"Jetzt erkennen wir auch die Leistungen dieser Zeit an." Sinneswandel erkennbar Der Sinneswandel zeigt sich auch in Weimar selbst, das sich langsam mit dem historischen Datum, der konstituierenden Sitzung der Nationalversammlung am 6. Februar 1919, anfreundet. Die konservative Residenzstadt mit damals rund 30 000 Einwohnern stand dem geschichtsträchtigen Ereignis von Beginn an kritisch gegenüber. "Die Bewohner gehörten nicht zu den glühenden Verfechtern der Demokratie", sagt Stadtarchivar Justus Ul bricht. Aber es habe in der Stadt auch Sozialdemokraten gegeben, die das Anliegen stützten. "In diesem Sinne spiegelt Weimar die damalige Spaltung Deutschlands wieder." Letztlich war der Ort mit dem Ansturm der rund 450 Abgeordneten, Hunderter Beamter sowie internationaler Beobachter und Journalisten überfordert. Die Preise für die raren Lebensmittel stiegen drastisch. "Auch die Abgeordneten beschwerten sich in Briefen über die schwierige Quartiersuche und über Langeweile", erzählt Gerber. "Sie monierten, dass sie auch am Abend immer wieder dieselben Gesichter sehen." Zur Ehre des Sitzungsortes kam Weimar mehr oder minder zufällig. Den im Januar 1919 gewählten Parlamentariern war schnell klar, dass sie im revolutionär aufgewühlten Berlin nicht die Ruhe für die Erarbeitung der Verfassung finden konnten. Sicherheitsgründe "Die Entscheidung fiel aus Sicherheitsgründen. Die Stadt war mit einer überschaubaren Zahl von Soldaten zu schützen", sagt Gerber. Ein weiteres Argument war die zentrale Lage. Weimar als Hort des Humanismus spielte dagegen eine eher untergeordnete Rolle. Das nutzte erst Reichspräsident Friedrich Ebert, der in der Debatte den Bogen vom Weltbürgertum Goethes zur Republik zog. Nach dem Zweiten Weltkrieg distanzierten sich die Regierungen im geteilten Deutschland von Weimar. Die DDR sprach vom Steigbügelhalter für die Nazis, im Westen machte der Satz "Bonn ist nicht Weimar" die Runde. In der Stadt fanden sich deshalb nur wenige Hinweise auf die demokratische Geschichte. Lieber sonnte sich Weimar im Glanze der politisch unverdächtigen Klassiker Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Das änderte sich erst mit dem Mauerfall 1989 und der Ernennung Weimars zur Kulturhauptstadt 1999. Zum 90. Jahrestag der konstituierenden Sitzung der Nationalversammlung am 6. Februar hat Weimar ein stattliches Programm zusammengestellt, bei dem sich unter anderem Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) die Ehre gab. Eine Ausstellung soll die Chancen des damaligen Aufbruchs herausstellen. Der Leiter des Stadtmuseums, Alf Rößner, verbindet mit ihr eine Überlebenshoffnung. Mit einem anerkannten Schwerpunkt "Nationalversammlung" könnte er sein Haus bei der großen Konkurrenz in Weimar profilieren.