Alles schon mal da gewesen: Die Zwergschule, in der die erste bis vierte Klasse gemeinsam unterrichtet wurde. Der Kolonialwaren-Händler, der mit seinem Lastwagen zweimal in der Woche vor der Kirche hielt. Das Drei-Generationen-Haus mit Großeltern, Eltern und Kindern unter einem Dach. Die Bündnisgrünen glauben, dass solche Angebote wiederkommen werden und wollen sie sogar fördern. Denn der Bevölkerungsrückgang erfordere langfristige politische Antworten, ganz besonders für die "Schrumpfregionen" in Deutschland, meinte Parteichef Reinhard Bütikofer gestern.

Immer weniger Einwohner
Bütikofer stellte zusammen mit der Bundestagsabgeordneten Irmingard Schewe-Gerigk den Abschlussbericht einer parteieigenen Demographie-Kommission vor, die sich ausnahmsweise mal nicht mit den bundesweiten sozialen und finanziellen Folgen des anhaltenden Kindermangels beschäftigte, sondern mit den praktischen Auswirkungen vor Ort. 2050 wird Deutschland nur noch 70 Millionen Einwohner zählen, die Hälfte davon wird über 50 sein und in manchen Regionen werden dann fast nur noch alte Menschen leben. Schon heute ist das in Gegenden Mecklenburg-Vorpommerns, Brandenburgs und Ost-Sachsens zu beobachten. "Wir müssen uns auf das Schrumpfen einstellen und können nicht mehr so tun, als ob man überall alles aufrechterhalten kann", sagte Bütikofer.
Die Partei sieht in dem demographischen Wandel aber nicht nur ein Problem, sondern durchaus auch Chancen. So könne der Flächenverbrauch erheblich verringert werden auf nur noch 30 Hektar pro Tag. Das ist ein Drittel des heutigen Verbrauchs. Voraussetzung sei freilich, dass die Innenstädte aufgewertet würden. Und schrumpfende Regionen könnten Raum für Ökolandbau, nachwachsende Rohstoffe oder sanften Tourismus bieten. "Schrumpfen muss nicht heißen, dass eine Region nicht dynamisch ist", meinte Bütikofer.

Balance zwischen Generationen schaffen
Kern der künftigen Fragen sei aber, wie die "Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse" wenigstens auf den wichtigsten Feldern auch in Greisendörfern aufrechterhalten werden könne und wie man bei verändertem Bevölkerungsaufbau eine neue Balance zwischen den Generationen schaffe. Zwar komme man nicht umhin, in dünn besiedelten Gebieten Einrichtungen der sozialen Infrastruktur zentral zu bündeln und auch manche Kommunen zusammenzulegen, doch müsse es auch Ansätze geben, um die wichtigsten Dienstleistungen am Ort anbieten zu können. Neue Formen der mobilen Versorgung müssten dafür entwickelt werden, vor allem für Gesundheitsdienstleistungen, den Einzelhandel und auch die Verwaltung. Sie könnten in Dorfzentren angeboten werden. Und bevor man Grundschulen schließe, solle man überlegen, ob nicht "gemeinsames altersübergreifendes Lernen" eine Alternative sei.
Generell erfordere die demographische Veränderung von der Gesellschaft eine Veränderung des Denkens. Die klassische Einteilung - Ausbildung, Erwerbsarbeit, Ruhestand - werde so nicht mehr funktionieren. Vielmehr werde es unübersichtliche Biografien aus Erwerbsphasen, Fortbildungszeiten und Familienphasen geben und immer häufiger auch den Wechsel des Arbeitgebers und des Wohnortes. Zudem müssten die Älteren länger arbeiten. Die Grünen setzen auf ein "Drei-Generationen-Modell", auf eine stärkere Durchmischung der Generationen. Die Unternehmen müssten sich darauf einstellen, Mitarbeiter aus allen Altersgruppen zu haben, aber auch die Bildungseinrichtungen. Der Bedarf an Wohngemeinschaften und neuen Wohnprojekten für alle Generationen wachse.