Die Kleine war acht Monate alt, als ihr Martyrium begann: Über mehrere Wochen hinweg soll ein Vater seiner Tochter einen Gift-Cocktail verabreicht haben. Selbst als es schon im Krankenhaus lag, soll der Mann dem Kind weiter Desinfektionsmittel oder zitronensäurehaltige Reinigungsmittel verabreicht haben. Zwölf Fälle listet die Anklage auf. Ab dem heutigen Dienstag steht der 36-Jährige in Potsdam vor Gericht. Die Anklage lautet unter anderem auf Mordversuch. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Potsdam wollte der Schleswig-Holsteiner sein Kind töten, weil es ihm bei einer neuen Beziehung im Weg stand.

Keine Grundlage, kein Motiv

Sein Verteidiger Matthias Schöneburg weist diese Darstellung zurück. "Diese Annahme entbehrt jeglicher Grundlage", sagt der Anwalt. Sein Mandant habe kein Motiv für die vorgeworfenen Taten. "Er bestreitet, irgendwas mit der Sache zu tun zu haben." Laut Schöneburg wird der 36-Jährige vor dem Landgericht Potsdam aussagen.

Die Qualen des Mädchens begannen laut Anklage am 19. März 2014 und endeten erst mehr als drei Monate später. Weil es nicht mehr zunahm und wuchs, war es in dieser Zeit in verschiedenen Krankenhäusern - erst in Schleswig-Holstein, zuletzt in Brandenburg/Havel.

Da das Kind weder essen noch schlucken konnte, wurde ihm ein Zugang zum Magen gelegt. Trotz des inzwischen "lebensbedrohlich komatösen Zustandes" soll der Vater seiner Tochter laut Anklage über die Sonde weiter die giftigen Substanzen verabreicht haben. Bei einer Untersuchung wurde im Blut des Mädchens laut den Ermittlungsbehörden eine Alkoholkonzentration von mindestens 0,879 Promille festgestellt.

Berichten zufolge vermuteten die brandenburgischen Ärzte hinter der Tat ein Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, eine psychiatrische Störung. Dabei macht ein Mensch einen anderen bewusst krank oder täuscht eine Krankheit vor. Ziel ist es, Zuwendung zu erreichen. Häufig sind es Mütter, die ihr Kind auf diese Weise misshandeln.

Auch Mutter anfangs im Visier

Anfangs ermittelte die Staatsanwaltschaft Potsdam auch gegen die Mutter des Mädchens, mit der der Angeklagte zusammenlebte. Inzwischen konzentriert sich der Verdacht jedoch auf den Vater. Die Eltern waren in Verdacht geraten, weil sich der Zustand des Kindes nur in ihrem Beisein verschlechtert hatte. Abgesehen von Ärzten und Pflegepersonal waren sie die einzigen, die Zugang zu dem Mädchen hatten.

Dem heute 20 Monate alten Mädchen geht es inzwischen laut Behörden wieder gut. Es war zunächst in einer Pflegefamilie untergebracht, lebt aber mittlerweile bei der Mutter.

Vor Gericht sollen nun insbesondere Ärzte und Krankenschwestern sowie fünf Sachverständige helfen, den mysteriösen Fall zu klären. Knapp 60 Zeugen sind zunächst geladen. Die Mutter des Mädchens soll nach bisherigem Zeitplan Ende April gehört werden. Zunächst hat der Vorsitzende Richter Frank Tiemann 27 Verhandlungstage bis zum 9. Juli angesetzt.