Ein DDR-Schriftsteller erhält von der Staatssicherheit den Auftrag, einen anderen Autoren zu bespitzeln – und verliert in dessen Schatten am Ende seine eigene Identität.

Dieser Roman von Wolfgang Hilbig mit dem schlichten Titel „Ich“ erschien im Jahr 1993. Ein Jahr später starb Erwin Strittmatter, dessen Leben in Ansätzen gewisse Parallelen zu Hilbigs Buch über einen fiktiven Lyriker aufweist. Auch er hatte einst mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet, auch er hatte Berichte über andere Schriftsteller geschrieben.

Ob er seine Identität verlor, darüber ist nun in Spremberg ein neuer Streit entbrannt, der zugleich die Frage berührt: Welche Rolle spielte Erwin Strittmatter in der Nazizeit?

Bereits im Jahr 1997 zeigte sich, dass die Brüche im Leben des Spremberger Ehrenbürgers die Menschen in seiner Heimat noch lange beschäftigen würden. Damals kam sein Name für eine Schule im Cottbuser Ortsteil Kahren ins Gespräch. Doch dieser Vorschlag landete schließlich wieder im Papierkorb. Strittmatters Stasi-Mitarbeit, aufgedeckt vom Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, gab dafür den Ausschlag.

Der SS unterstellt

Eine Weile passierte nichts. Bis der Historiker Werner Liersch im Jahr 2008 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schrieb, dass Strittmatter von 1941 bis 1945 Angehöriger der deutschen Ordnungspolizei gewesen sei – die direkt der SS unterstellt war.

Strittmatter hatte Zeit seines Lebens darüber geschwiegen, genau so wie über seine Kontakte zur DDR-Staatssicherheit.

Dennoch reagierten viele Spremberger empört auf die neuen Berichte aus dem Leben ihres Ehrenbürgers – und solidarisierten sich posthum mit ihm. So sagte der frühere CDU-Bürgermeister Egon Wochatz: „Wir lassen uns nicht vorschreiben, wie wir mit Strittmatter umzugehen haben.“

Drei Jahre später ist es sein Nachfolger im Amt, Klaus-Peter Schulze, auch ein CDU-Mann, der sich nichts vorschreiben lässt – aber auf ganz andere Weise. Die Schirmherrschaft bei einer öffentlichen Ehrung Strittmatters zu dessen 100. Geburtstag im nächsten Jahr, sagt Bürgermeister Klaus-Peter Schulze, komme seitens der Stadt nicht infrage, da bislang unklar sei, was genau der Schriftsteller im NS-Regime getan habe. Denn nach den Worten des Berliner Historikers Bernd-Rainer Barth ist es sehr wahrscheinlich, dass Erwin Strittmatter im Zweiten Weltkrieg an bewaffneten Kämpfen und Einsätzen des Polizeibataillons teilgenommen hat.

Erbitterter Streit

Und damit öffnet sich in Spremberg ein Graben.

Dem Bürgermeister pflichtet die Fraktion aus SPD, FDP und Pro Georgenberg/Slamen bei. Deren Chef Andreas Lemke sagt: Strittmatter habe sich „zuerst der mörderischen SS, der Ordnungspolizei und dem Krieg gegen Zivilisten“ angedient – „und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der Sozialistischen Einheitspartei und der Stasi“. Deshalb plädiert Lemke dafür, in der Konsequenz auch das Spremberger Erwin-Strittmatter-Gymnasium umzubenennen.

Der Cottbuser Landtagsabgeordnete der Linken, Jürgen Maresch, entgegnet: „Sich jetzt hinzustellen und diesen bedeutenden Künstler mit seinen Fehlern, mit seinen guten Seiten, mit seinem künstlerischen Schaffen nicht zu würdigen, das ist in meinen Augen bigott.“

Und Renate Brucke vom Strittmatter-Verein erklärt: „Trotz Strittmatters naiv-schelmischer Sicht auf die Wirklichkeit hat er sich in seinen Werken eindeutig für Humanismus und gegen Krieg und Militarismus ausgesprochen.“

Auf der einen Seite sein Werk – auf der anderen Seite sein Leben. Für die Staatssicherheit bespitzelte Erwin Strittmatter unter dem Decknamen „Dollgow“ Kollegen wie Anna Seghers und Stephan Hermlin, später befürwortete er die Ausweisung des Schriftstellers Reiner Kunze aus der DDR, was dieser nach dem Zusammenbruch der DDR aus seinen Akten erfuhr.

Der Strittmatter-Verein hält unterdessen an seinem Termin für eine öffentliche Ehrung in Bohsdorf fest: Er bereitet nach eigener Aussage eine „würdige Feierstunde“ für den 18. August 2012 vor.