Fast täglich kommt es im Süden des Landes zu schweren Gefechten zwischen Taliban und Soldaten der internationalen Friedenstruppe mit dutzenden Toten und Verletzten. Und dort sollen künftig deutsche Soldaten ihren Dienst versehen? Die Bundesregierung dementierte gestern eiligst diese Meldung. Eine Debatte über eine gefährliche Ausweitung des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan kann sie derzeit gar nicht gebrauchen.
Die Nachricht, die Berlin in Aufregung versetzte, lautete so: Deutschland werde von anderen Nationen kritisch betrachtet, hieß es unter Berufung auf Quellen im Hauptquartier der Nato-geführten Isaf-Streitkräfte in Kabul. Denn die Bundeswehr sei nur im verhältnismäßig ruhigen Norden des Landes und in der Hauptstadt stationiert, während andere Nationen schwere Verluste im Süden erlitten. Den daraus ableitbaren Vorwurf der "Feigheit" bezeichnete der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Thomas Raabe, gestern als "abwegig". Die Alliierten wüssten, "dass wir auch im Norden mit großen Gefahren zu tun haben". Seit Beginn des Einsatzes Anfang 2002 starben 18 deutsche Soldaten.

Konzentration auf den Norden
Darüber hinaus wurde aus Kabul kolportiert: Die Bundeswehr hätte Kapazitäten und Fähigkeiten, die auch im Süden gebraucht würden. Regierungssprecher Thomas Steg musste deshalb gestern klarstellen: "Deutschland wird seine Aktivitäten zur Stabilisierung der Lage in Afghanistan weiterhin auf den Norden konzentrieren." Doch auch dort wird der Einsatz riskanter, wie Militärexperten warnen. Die alltägliche Gewalt habe inzwischen ganz Afghanistan erfasst, heißt es, wenngleich es im Süden weitaus gefährlicher sei. Vor allem Kanadier, Briten und Niederländer sind in diesem Landesteil stationiert.
Nach geltendem Mandat ist es allerdings möglich, dass die Bundeswehr aushilfsweise Soldaten in den Süden entsendet, "wenn die Nato-Friedenstruppe Isaf einen "unabweisbaren Bedarf" anmeldet. "Uns ist keine Anfrage bekannt und wir haben keine Anhaltspunkte dafür, dass solche Planungen bestehen", sagt Steg. Berliner Verteidigungsexperten gehen aber davon aus, dass man sich einer solchen Anfrage kaum entziehen kann, wenn sie denn kommt. Ansonsten gefährde die Bundesregierung die gesamte internationale Mission, lautet die Einschätzung. Zudem müsste nicht einmal der Bundestag befragt werden, weil dieser das Mandat vor einem Jahr auf das ganze Land ausgeweitet hat.

Entscheidung im Oktober
Im Oktober will die Bundesregierung den Afghanistan-Einsatz vom Parlament erneut verlängern lassen. Dass sie gestern so schnell eine mögliche Entsendung deutscher Soldaten in den Süden dementierte, hat damit zu tun. Angeblich wächst die Zahl der Abgeordneten, die die immer heikler werdende Mission am Hindukusch nicht einfach durchwinken will: "Wir stehen in der Sackgasse", heißt es aus dem Verteidigungsausschuss. Wehrexperten fordern eine breite Debatte über den weiteren Einsatz: "Angesichts der Rückschritte in Afghanistan brauchen wir dringend eine neue Strategie." Hinzu kommt, dass die Bundesregierung noch intensiv werben muss für die Entsendung von Soldaten in den Nahen Osten, ein ebenfalls gefährliches Unterfangen. Ein Einsatz der Truppe im umkämpften Süden Afghanistans käme da gänzlich ungelegen.