"Wenn die Bürger mit ihren fehlerhaften Unterlagen zu uns kommen, können wir nicht nachvollziehen, was hier passiert ist", erläutert Willems. Es seien nicht nur Steuerklassen oder Freibeträge nicht eingetragen. Vielmehr seien auch Kombinationen von Steuerklassen für Eheleute aufgeführt, die es gar nicht gibt. "Und wenn wir die Eintragungen mit unseren Datensätzen vergleichen, dann ist bei uns alles in Ordnung", wundert sich der Finsterwalder Amtsvorsteher.

Obwohl die Ursachen für das Tohuwabohu noch nicht geklärt sind, geht die Staatssekretärin im Potsdamer Finanzministerium, Daniela Trochowski, davon aus, dass "ein blankes technisches Problem" beim Bund vorliegen muss. "Wir haben korrekte Datensätze an das Bundeszentralamt für Steuern übermittelt", betont Trochowski. Dort habe es möglicherweise zwei unterschiedliche Datenbahnen geben, die zu dem Durcheinander geführt hätten. Bedauerlich ist für die Staatssekretärin, "dass die Finanzämter nun der Ärger der Bürger trifft". Denn sie seien für das Daten-Chaos nicht verantwortlich. Vielmehr müssten die Finanzbeamten vor Ort nun die Fehler korrigieren.

Starttermin liegt auf Eis

Ab dem 1. Januar 2012 sollte die Einführung der elektronischen Lohnsteuerkarte den jährlichen Aufwand für Arbeitnehmer und -geber reduzieren. Veränderte persönliche Lebensverhältnisse würden nicht mehr bei der Gemeinde oder dem Finanzamt, sondern nur noch digital eingetragen. Der Arbeitgeber sollte zur Berechnung des Lohns oder Gehaltes elektronisch darauf zugreifen können. Alle Erleichterungen sind nun aber erst einmal auf Eis gelegt. Wie Staatssekretärin Trochowski bestätigt, ist nicht vor dem II. Quartal 2012 damit zu rechnen, dass die elek tronische Lohnsteuerkarte startet.

Bis dahin liegt ein Berg zusätzlicher Arbeit vor den Finanzbeamten in der Lausitz. "Mit diesem riesigen Ansturm konnte niemand rechnen. Wir werden zurzeit fast überrollt", schildert der Vorsteher des Finanzamtes Görlitz, Holger Hubert, die Situation. Die Bürger würden ins Amt kommen, um Korrekturen vornehmen zu lassen. Aber auch das Telefon stehe nicht mehr still. Und es müssten Briefe und Mails beantwortet werden. "Wir können im Augenblick nur schlichten, um überhaupt die anfallenden Aufgaben zu erfüllen", sagt Hubert.

Im Amt von Klaus Spangemacher in Cottbus spielen sich ebensolche Szenen ab: "Die Drähte glühen heiß. Wir werden überlaufen." Rund 100 Bürger mehr als normalerweise sind am zurückliegenden Dienstag ins Finanzamt gekommen, um Korrekturen vornehmen zulassen. "Wir gleichen die Angaben mit unseren Datensätzen ab, korrigieren und stellen ein Mitteilungsschreiben aus, das beim Arbeitgeber abzugeben ist", verweist die zuständige Sachbereichsleiterin Ellen Schlumbach auf das Prozedere, das eigentlich zu den Akten gelegt sein sollte.

Bis zum Jahresende wollen die Cottbuser alle Daten korrigiert haben. Für den Fall, dass der Ansturm noch weiter zunimmt, sei das Amt vorbereitet. "Wir haben einen Reservepool aus Mitarbeitern des Amtes gebildet, auf den wir notfalls zurückgreifen können", erklärt Ellen Schlumbach.

Ungewöhnliche Dimension

Der Sprecher des sächsischen Finanzministeriums, Stephan Gößl, räumt ein, dass Korrekturen bei einer solch umfangreichen Umstellung nicht auszuschließen sind. "Pannen lassen sich da kaum vermeiden", sagt er. Die Dimension ist aber auch für Gößl ungewöhnlich. Immerhin war man zunächst von einer Fehlerquote von einem bis zwei Prozent ausgegangen. Inzwischen gehen Steuerkanzleien in der Region, die von ihrer Mandantschaft ebenfalls überrannt werden, von mangelhaften Kontrollbelegen in Höhe von 20 Prozent.

Dieses Szenario kann Steuerberater Bernd Klinke aus Senftenberg zurzeit nicht bestätigen. "Fakt ist aber, uns würde ein solches Chaos schwer angekreidet werden", sagt Klinke, der für die im Oberspreewald-Lausitz-Kreis agierende Kanzlei George, Lentzsch & Partner arbeitet. Es sei nur schwer nachzuvollziehen, warum die elektronische Lohnsteuerkarte mit einem hohen finanziellen Aufwand unbedingt jetzt durchgeboxt werden musste.

Aus seiner Sicht gibt es zudem weitere Unzulänglichkeiten. So rechne die Senftenberger Kanzlei für Arbeitgeber auch den Lohn in den jeweiligen Unternehmen. "Aber, ob wir künftig Zugriff auf die Daten haben werden, ist ungeklärt", erklärt Klinke.

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Was Arbeitnehmer jetzt tun müssenWie das Dresdner Finanzministerium erklärt, sei es zunächst wichtig, die zugesandten Informationen zu sichten. Wenn alle Angaben exakt sind, gebe es keinen Handlungsbedarf. Wenn Fehler sichtbar sind, muss ein Antrag auf Korrektur der Lohnsteuerabzugsmerkmale gestellt werden. Aufgrund des Andrangs bei den Finanzämtern sei der Postweg zu wählen. Die Antragsformulare seien bei den Finanzämtern erhältlich. Oder sie sind im Internet abrufbar unter: www.finanzamt.sachsen.de Auch wenn die Einführung der elektronischen Lohnsteuerkarte bis voraussichtlich ins II. Quartal 2012 verschoben werde und bis dahin die Daten der Lohnsteuerkarte 2010 genutzt werden, seien die Korrekturen zügig zu beantragen. Weitere Fragen werden beantwortet im Internet: www.amt24.sachsen.de; www.finanzamt.sachsen.de