Während im Weißen Haus deutsche Regierungsmitglieder kaum noch Einlass finden, wurde Angela Merkel empfangen.Dies öffnete der am Potomac bislang kaum bekannten Oppositionspolitikerin aus Berlin Türen, die selbst dem deutschen Außenminister zuletzt verschlossen geblieben waren. Sogar Vizepräsident Dick Cheney und die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice nahmen sich Zeit für die CDU-Chefin, die vor ihrer Ankunft in der Zeitung "Washington Post" erklärt hatte: "Schröder spricht nicht für alle Deutschen." Ihren US-Gesprächspartnern signalisierte Merkel, dass mit ihr in Regierungsverantwortung die Entscheidungsprozesse über Irak viel glatter ablaufen würden.

Eine halbe Stunde mit Cheney
Während sich Bundesaußenminister Joschka Fischer in Brüssel gestern gegen eine neue Irak-Resolution der Uno stellte, bekundete die CDU-Chefin derweil in Washington ihre Unterstützung für die neue diplomatische Initiative der USA. Eine neue UN-Entschließung sei nötig, um die "Drohkulisse" gegenüber dem irakischen Machthaber Saddam Hussein zu steigern, sagte sie nach ihrem rund halbstündigen Gespräch mit Vizepräsident Cheney. Nur mit einer solchen Drohkulisse bestehe auch die Chance, den Krieg doch noch zu verhindern.
Für Besuche von Oppositionspolitikern im Ausland gilt die ungeschriebene Regel, sich mit Kritik an der eigenen Regierung zurückzuhalten. Zwar hielt sich auch Merkel in der US-Hauptstadt zunächst mit Schelte für den Kanzler zurück. Doch den Tabubruch hatte sie schon vor ihrer Ankunft in den USA begangen, indem sie in der "Washington Post" mit Schröder ins Gericht ging. Während ihr Zeitungsbeitrag in Berlin einen innenpolitischen Tumult auslöste, kam er bei der US-Regierung wie ein Empfehlungsschreiben an - schließlich wird es damit noch leichter, den deutschen Kanzler als verantwortunglosen Querulanten hinzustellen.
In Washington trat die als Außenpolitikerin noch wenig erfahrene Merkel als Advokatin der deutsch-amerikanischen Freundschaft auf, die sie durch den strikten Antikriegs-Kurs des Kanzlers tief beschädigt sieht. Schröder habe die wichtigste Lektion der deutschen Außenpolitik missachtet - dass Deutschland nie einen Alleingang unternehmen dürfe, schrieb sie. Und der kategorische Ausschluss von Gewalt sei ein Fehler, da so der internationale Druck auf Saddam Hussein geschwächt werde. Kein Wunder also, dass Merkel in Washington von allen Seiten nur Wohlwollen entgegenschlug.

Rumsfeld machte Termin frei
Während Fischer im Herbst der Besuch im Weißen Haus verwehrt blieb und der Kanzler vergeblich auf den Glückwunsch zu seinem Wahlsieg wartete, wurden der Oppositionsführerin jetzt die hochkarätigen Gesprächspartner geradezu serviert. Auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, der in jüngster Zeit so heftig mit dem "Alten Europa" hadert, machte inmitten seiner hektischen Kriegsplanungen einen Termin für die CDU-Vorsitzende frei. So sehr sich Merkel über den Großen Bahnhof freuen durfte, so klar wurde allerdings zugleich, dass sie von der US-Regierung vor allem dazu benutzt wurde, um das Duo Schröder/Fischer abzustrafen.