Es gibt viel zu tun im Ringe-Orden: Gesucht wird ein durchsetzungsstarker Präsident, der die Weltorganisation IOC durch die Herausforderungen der kommenden Jahre steuert, Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit vorantreibt, als Sportkenner politische und wirtschaftliche Interessen verknüpfen kann und im Idealfall noch mehrsprachig ist. Sechs Kandidaten sehen für sich dieses Anforderungsprofil erfüllt, aber nur dem Favoriten Thomas Bach und seinen Herausforderern Richard Carrion und Ng Ser Miang werden im Machtpoker um das wichtigste der Sportwelt echte Siegchancen eingeräumt. Stabhochsprung-Weltrekordler Sergei Bubka (Ukraine), der Schweizer Olympia-Diener Denis Oswald und Wu Ching-Kuo, ein Architekt aus Taiwan, müssen sich bei der Wahl des neunten IOC-Präsidenten am Dienstag in Buenos Aires mit Außenseiterrollen zufriedengeben. Es ist ein ungleiches Trio, das in der Lobby des hermetisch abgesperrten IOC-Hotels Lobbying bis zur letzten Minute betreibt. Der stille Diplomat aus Singapur, der knallharte Banker aus Puerto Rico und der ehrgeizige Wirtschaftsanwalt aus dem Fränkischen. Der schwerreiche Ng ließ als Cheforganisator der ersten Olympischen Jugendspiele 2010 in seiner Heimat aufhorchen und als Botschafter in Ungarn und später in Norwegen. "Ich bin stolz, Asiate zu sein, und ich bin stolz Weltbürger zu sein", sagte der 61-Jährige. Ng wollte die Karte nicht spielen, ein Hoffnungsträger der aufstrebenden Sportmacht Asien zu sein - und spielte sie doch.

Der schwerreiche Carrion verdiente sich die Anerkennung seiner Kollegen als langjähriger Vorsitzender der Finanzkommission. Sein Rekord-Deal mit dem amerikanischen Olympia-Sender NBC über 4,38 Milliarden Dollar für die US-TV-Rechte bis 2020 brachte das IOC in eine komfortable Position. "Geld ist nicht das Wichtigste, das Wichtigste ist meine Leidenschaft für die olympische Bewegung", sagte der 60-Jährige, dem jeglicher Sport-Hintergrund fehlt. Der Vorsitzende der Banco Popular wollte nicht so viel über Geld plaudern - und plauderte doch viel über Geld, weil er sich als Vorstandsmitglied der elitären New Yorker Notenbank Federal Reserve damit einfach am besten auskennt.

Und Thomas Bach? Der Stratege aus Tauberbischofsheim besetzte die meisten IOC-Rollen von allen. Ein Multifunktionär aus Leidenschaft. Und Bach ist Fan von Bach - Johann Sebastian. "Der IOC-Präsident dient diesem Orchester als Dirigent", sagte der 59 Jahre alte Fecht-Olympiasieger von 1976. Er sei nicht gut in der Rückschau, behauptete Bach, musste aber gut in der Rückschau sein, sonst hätte er die zahlreichen Attacken seiner Gegner nicht immer wieder parieren können .