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| 01:04 Uhr

Das teure Gut Kultur

Wenn Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) heute zu einer mehrtägigen Reise in das deutsch-polnische Grenzgebiet aufbricht, wird ihr trotz des Sommerwetters ein kalter Wind entgegenwehen. Von Wilfried Mommert

Die von ihr überraschend angekündigte Streichung des Sonderprogramms des Bundes "Kultur in den neuen Ländern" gemeinsam mit dem Sanierungsprogramm "Dach und Fach", das vielen Dorfkirchen die Rettung brachte, hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst - bei den betroffenen Länderkulturministern, den Kirchen, Denkmalpflegern und dem Deutschen Kulturrat.
Die Ankündigung hätte zeitlich nicht ungünstiger kommen können, da Weiss kurz vorher eine großzügige 25 Millionen Euro schwere Hilfe für die Not leidende Berliner Kulturlandschaft zugesagt hatte. Gleichzeitig wolle der Bund in den neuen Ländern 23 Millionen Euro sparen, kritisierten die Länderkulturminister.
Das hat einen alten Argwohn mobilisiert, Kultur auf dem Lande sei den Bundespolitikern nicht so wichtig wie in den großen Städten und vor allem in der Hauptstadt. So äußerte der "Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg" die Vermutung, dass eine ver- s-tärkte Kulturförderung Berlins zulasten einer umfassenden kulturellen Flächenförderung gehen werde. Mit der angekündigten Konzentration der Bundesförderung auf "Kultureinrichtungen und Denkmale von nationaler Bedeutung", also auf die so genannten "Leuchttürme", werde "die bereits bestehende Kluft zwischen Ballungsräumen dem Land zunehmen".
Der Deutsche Kulturrat, Spitzenverband der Bundeskulturverbände, rief jetzt Bundesbauminister Manfred Stolpe (SPD) zu Hilfe. Er soll das bisher vom Bund geförderte Denkmalpflegeprogramm "Dach und Fach" fortsetzen. Ein anderer Vorschlag lautete, die neue Bundeskulturstiftung müsse jetzt einspringen.
Mehrere Länderkulturminister forderten Weiss zur Rücknahme ihrer Entscheidung auf. Andernfalls könnten dringend notwendige Sanierungen von Theater und Museen und vom Verfall bedrohter kleiner Dorfkirchen nicht mehr weiter geführt werden. Gerade als "Notsicherungsprogramm" habe "Dach und Fach" oft das Ärgste verhindern können, schrieb die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg in einem "Brandbrief" an Weiss.
"Diese Sparidee trifft uns bei laufenden Bauverträgen völlig unvorbereitet", hieß es ergänzend. Mittelständische Betriebe verlören Aufträge in ohnehin strukturschwachen Gebieten. "Dieser Sparbeschluss schafft mehr neue Probleme statt Lösungen" - besonders in Randregionen mit einer Arbeitslosenquote von 25 Prozent.
Weiss wird in den nächsten Tagen mit den Länderkulturministern darüber reden, wie aus dem Dilemma herauszukommen ist. Sie verweist darauf, dass das Hilfsprogramm des Bundes, für das er seit 1999 etwa 160 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat, laut Einigungsvertrag nur als Übergangshilfe angelegt gewesen sei. Kultur von nationaler Bedeutung würde zudem weiter vom Bund gefördert.