Mit 18 Kilometern Länge war die Strecke vergleichsweise kurz, die der rund 3000 Tonnen schwere Schaufelradbagger SR 1571 bis Dienstagabend zurücklegte. Zwei Betriebsstraßen, ein Radweg, eine Bundesstraße, ein breiter Graben und eine Hochspannungsleitung waren vergleichsweise unspektakuläre Hindernisse, die sich auf dem Weg vom Tagebau Nochten zum Montageplatz am Nordrand des Tagebaus Reichwalde dem Vorschnittbagger in den Weg stellten.

Heiko Wolf, Stabsleiter für die Vattenfall-Tagebaue Nochten und Reichwalde, hat mit seinem Team den Transport etwa ein Jahr lang vorbereitet. "Da muss alles passen, das Herausnehmen des Gerätes aus dem laufenden Tagebaubetrieb, die Rampen, die Trassen, die Genehmigungen", sagt der 52-Jährige.

Das Wissen und die Erfahrung, die in so einem Transport stecken, werden nun nicht mehr gebraucht, denn dieser Transport, das weiß auch Wolf, war der letzte im Lausitzer Revier. Wehmut empfindet er trotzdem nicht: "Der Bagger bleibt uns ja erhalten, damit arbeiten wir weiter", sagt Wolf. Schlimmer sei es, mit ansehen zu müssen, wie Bergbautechnik gesprengt wird, weil man sie nicht mehr braucht.

"Bagger-Rennstrecke" hieß im Volksmund eine Trasse im Lausitzer Revier, die nicht überbaut werden durfte und schon zu DDR-Zeiten für den Transport von tonnenschwerer Bergbautechnik genutzt wurde. Bagger, Absetzer, Bandantriebsstationen und Verladegeräte gehörten zu der Technik, die umzusetzen sich wirtschaftlich lohnte, wenn sie in einer Grube nicht mehr, an einem anderen Standort aber noch lange gebraucht wurde.

Den größten Transport dieser Art gab es Anfang der 90er-Jahre, als die Zahl der Tagebaue in der Lausitz drastisch reduziert wurde. 149 Tage war ein mehr als einen Kilometer langer Tross von 14 Baggern und anderen Großgeräten damals über 90 Kilometer unterwegs. Am ersten Dezember 1993 setzte er sich am stillgelegten Tagebau Greifenhain in Richtung Tagebau Nochten in Bewegung. Unterwegs bogen Bagger zu den Gruben Cottbus-Nord und Welzow-Süd ab.

Die 200 Bergleute, die diesen größten Landtransport damals bewältigten, erledigten einen Knochenjob. Sie mussten sich mit Schnee und Frost im Winter, Dauerregen im Frühjahr, Hitze und Mücken im Sommer herumschlagen. Parallel dazu setzte sich ein kleinerer zweiter Transport im März vom stillgelegten Tagebau Klettwitz aus in Bewegung: zwei Bagger auf Schienen und drei auf Raupenketten.

Für den Super-Transport von Greifenhain nach Nochten mussten damals 500 Eigentümer von Flurstücken entschädigt werden, weil der Transport über ihre Grundstücke fuhr. "Das wäre heute gar nicht mehr möglich", sagt Heiko Wolf, Stabschef der Tagebaue Nochten und Reichwalde: "Da gäbe es viel mehr Widerstand."

Die Technik, wie beim Transport der Bagger und Absetzer vorgegangen wird, hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. Wichtige Hilfsmittel waren jede Menge Sand, Bahnschwellen, Spezialgewebe und daumendicke alte Gummiförderbänder.

Mit Sand und Gummilagen wurden Straßen und Schienenstränge abgedeckt, mit Bahnschwellen vorher die Zwischenräume der Gleise oder Straßenkanten ausgefüllt. Spezialgewebe dichteten das Ganze nach unten ab, sodass nach wenigen Stunden überquerte Straßen, sogar Autobahnen, wieder "besenrein" übergeben werden konnten.

Stromleitungen wurden abgehängt und manchmal ebenfalls mit Sand und Gummi überbaut. Breite Bäche und Flüsse wurden "verrohrt".

Dazu wurden dicke Rohre in Fließrichtung des Wassers in das Flussbett gelegt. Darüber kamen wieder Sand und Gummilagen. Während oben die Technik drüberrollte, floss unten das Wasser weiter.

All dieses Wissen wird nun in Deutschland nicht mehr gebraucht. Denn auch bei RWE in Nordrhein-Westfalen ist die Zeit der großen spektakulären Landtransporte für Tagebautechnik vorbei. Im Jahr 2008 wurde dort der letzte Absetzer über Land zum Tagebau Hambach gebracht. In den 90er-Jahren waren wie in der Lausitz auch im Rheinland ganze Gerätegruppen über Land unterwegs gewesen.

Der jetzt zu Ende gegangene Transport des Vorschnittbaggers von Nochten nach Reichwalde sei kein Vorzeichen für einen baldigen Ausstieg aus der Braunkohleförderung in Nochten, versichert Tagebaustabschef Wolf. "In Nochten bleibt ein Vorschnittbagger, der reicht für die abzutragende Erdschicht, die dünner wird." Das gelte auch für das geplante Erweiterungsfeld Nochten II.

Ob dieses Feld wirklich erschlossen wird, darüber wird aller Voraussicht nach ein neuer Eigentümer des Lausitzer Braunkohlereviers entscheiden. Der schwedische Staatskonzern Vattenfall bereitet gerade den Verkauf vor.

Heiko Wolf, Bergmann in dritter Generation, geht wie andere ältere Kumpel davon aus, dass er bis zur Rente noch im Braunkohlebergbau tätig sein wird. Inzwischen habe aber ein Generationenwechsel im Unternehmen stattgefunden: "Wir haben viele junge, gut ausgebildete Kollegen." Für die sei die Situation schon schwieriger. Auch sein eigener Sohn, der gerade bei Vattenfall Industriemechaniker lernt, frage ihn, wie es hier weitergeht, sagt Heiko Wolf.

Relativ sicher ist die Zukunft des jetzt zum Montageplatz Reichwalde umgesetzten Schaufelradbaggers. Der letzte Stahlriese, der über Land rollte, wird zwei Jahre lang auf dem Montageplatz gründlich überprüft und dann überholt.

Ab September 2017 wird sich sein Schaufelrad dann im Tagebau Reichwalde drehen, kündigt Wolf an: "Wir brauchen den dort so lange, wie dieser Tagebau läuft."