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Das Smartphone als Tatwerkzeug

Moderne Kommunikationstechnik wie Smartphones wird immer öfter zu Tatwerkzeugen.
Moderne Kommunikationstechnik wie Smartphones wird immer öfter zu Tatwerkzeugen. FOTO: dpa
Berlin. Hinter jedem Fall steckt ein herzzerreißendes Schicksal. Daran müsse immer gedacht werden, mahnte am Donnerstag in Berlin Rainer Becker, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe. Hagen Strauß

Die Zahlen von Gewalt gegen Kinder sind im Jahr 2016 erneut gestiegen. Beim sexuellen Missbrauch hat sich das Smartphone zum "ultimativen Tatmittel" entwickelt, erklärten die Experten bei der Vorstellung der neuesten Opferzahlen.

Welche Erkenntnisse ergeben sich aus der polizeilichen Kriminalstatistik?133 Kinder unter 14 Jahren wurden vergangenes Jahr ermordet, totgeschlagen oder tödlich verletzt. Im Jahr 2015 waren es 130. Bei versuchten Mord- und Tötungsdelikten gab es den Angaben zufolge einen Anstieg von 52 auf 78 Taten. In 25 Prozent der Fälle, so Becker, seien Tötungen bei Ehe- oder Familienstreitigkeiten geschehen. "Das sind die Zeiten, wo die Kinder besonders gefährdet sind." Zudem gab es 4237 erfasste Misshandlungen, darin enthalten 33 versuchte. Etwa sieben Prozent mehr als im Jahr davor. Gleichwohl gehen die Experten von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus. Zu Übergriffen komme es in allen gesellschaftlichen Milieus.

Wie groß ist das Ausmaß der sexuellen Gewalt?
Mehr als 14 000 Kinder wurden 2016 aktenkundig Opfer sexueller Gewalt. Die Dunkelziffer dürfte auch hier viel höher sein. Julia von Weiler vom Verein "Innocence in Danger" zitierte eine Studie der Universität Ulm. Demnach geht es um bis zu eine Million Jungen und Mädchen. "In jedem Klassenzimmer sitzen aller Wahrscheinlichkeit nach zwei betroffene Kinder", befand die Expertin. Fachleute hätten zudem festgestellt, dass es im Netz mehr als neun Millionen Webseiten mit Missbrauchsdarstellungen gibt. "Diese Dimension ist gigantisch", so von Weiler.

Welche Rolle spielt das Smartphone?
Es ist zum zentralen Tatmittel geworden, weil das Smartphone neben sozialen Netzwerken und Online-Spielen "paradiesische Zugangsmöglichkeiten für Täter" bietet, befand von Weiler. Mit dem Handy könnten sie mit ihren Opfern in Kontakt bleiben, sie kontrollieren und bedrängen. Außerdem würden Täter darüber "ganz viele Informationen über die Kinder sammeln, die sie, wenn sie das Kind anders kennenlernen würden, gar nicht erst hätten". Sie sprach von 728 000 Erwachsenen, die online sexuelle Kontakte zu Kindern hätten.

Wie steht es um die Strafverfolgung?
Laut Statistik ist die Zahl der Verfahren wegen Besitzes und Verbreitung kinderpornografischen Materials gesunken, von 6560 im Jahr 2015 auf 5687 im vergangenen Jahr. Doch die Daten würden die tatsächliche Dimension nicht wiedergeben, befand Andreas May, hessischer Generalsstaatsanwalt und Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität. "Wir werden mit Verfahren überflutet." Dass das Problem viel größer sei, zeige allein das von seiner Behörde geführte Ermittlungsverfahren gegen die Darknet-Plattform "Elyisum". Obwohl vor der Zerschlagung erst sechs Monate online, hatte sie schon 87 000 Nutzer.

Was fordern die Experten?
Höhere Strafen - und mehr Geld. Zum einen für die Behörden, damit diese in der digitalen Welt besser ermitteln können, zum anderen für Jugendämter. Außerdem müsse man die Betreiber sozialer Netzwerke in die Pflicht nehmen, geschützte Räume für Kinder zu schaffen. Auch müsse das Strafgesetzbuch angepasst werden. So werde darin nach wie vor von Kindesmisshandlung statt von Gewalt gegen Kinder gesprochen.

Zum Thema:
In der Nachkriegszeit waren Schläge in der Kindererziehung oft noch die Regel, seitdem wächst die Zahl derer, die körperliche Strafen ablehnen. Für die Mehrheit sind "ein Klaps auf den Po" oder eine Ohrfeige mittlerweile tabu, sagte der Ulmer Experte für Kindeswohlgefährdung Jörg M. Fegert im vergangenen Jahr. Im Jahr 2016 fanden 44,6 Prozent einen "Klaps auf den Po" akzeptabel (2005: 76,2 Prozent); eine leichte Ohrfeige bewerteten 17 Prozent als in Ordnung (2005: 53,7 Prozent). Eine Tracht Prügel mit Blutergüssen oder das Schlagen mit einem Stock sahen im vergangenen Jahr nur noch 0,1 beziehungsweise 0,4 Prozent als vertretbar an (2005: jeweils 1,9 Prozent). Eine Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung aus dem Jahr 2013 zeigt: Heranwachsende aus armen Familien sind am stärksten von körperlicher Gewalt betroffen. Sozial besser und durchschnittlich gestellte Kinder erfahren den Angaben zufolge deutlich seltener Gewalt.