Die Einladungen des Bundespräsidenten an die Vorsitzenden der Bundestagsparteien zu Vier-Augen-Gesprächen über die Lage nach der Wahl sind ein Signal. Es lautet: Ich, Joachim Gauck, das Staatsoberhaupt, bin auch noch da. Ich interessiere mich für die politische Lage, denn ich habe nach dem Grundgesetz einen Auftrag, zur Stabilität des Landes beizutragen. Und ich gedenke, diesen Auftrag zu erfüllen.

Die Aussage des Präsidialamtes, solche Gespräche seien völlig normal, stimmt nur bedingt. Lediglich Johannes Rau hat 2002 so gehandelt, als das Ergebnis ebenfalls äußerst knapp war.

Die Treffen sind kein privater Tee-Termin. Gerade nach Wahlen ist der Bundespräsident laut Grundgesetz nicht nur aufs Reden und Repräsentieren beschränkt. Gerade dann hat er wichtige Funktionen. Er ernennt und entlässt Kanzler und Minister - oder eben nicht. Und nur er allein kann Neuwahlen anordnen. Das könnte jetzt zum Tragen kommen.

Schon bei der Erteilung eines Auftrags zur Regierungsbildung hat der Bundespräsident Möglichkeiten. Formal entscheidet sich das zwar politisch. So hat derzeit klar Angela Merkel als Vertreterin der stärksten Partei diesen Auftrag. Die SPD könnte ihn jedoch ebenfalls an sich ziehen - für Gespräche mit Grünen und Linken zur Wahl eines sozialdemokratischen Kanzlers Peer Steinbrück. Wer am Ende im Bundestag zur Wahl steht, das entscheidet aber der Bundespräsident. Denn der Regierungschef wird laut Grundgesetz auf seinen Vorschlag hin gewählt.

Gauck wird also erfahren wollen, ob Rot-Rot-Grün wirklich ausgeschlossen ist und warum. Und wenn er sich davon überzeugt hat, wird seine Erwartung umso mehr auf Merkel ruhen, eine Regierung zustande zu bringen.

Vor allem aber ist die Einladung aus dem Schloss Bellevue auch ein Wink mit der stärksten Waffe, die der Präsident hätte, falls die Situation verfahren werden sollte: Nur er entscheidet, ob ein zweiter Urnengang wirklich notwendig ist, um die Machtverhältnisse zu klären. Und die Hürden sind hoch.

Erinnerlich ist, wie Horst Köhler kritisiert und vor dem Verfassungsgericht verklagt wurde, weil er im Jahr 2005 der (getürkten) verlorenen Vertrauensfrage von Gerhard Schröder gefolgt war und Neuwahlen angesetzt hatte. Das Grundgesetz sieht nämlich viele andere Möglichkeiten zur Stabilisierung einer Regierung vor, insbesondere nach Wahlen. Bis dahin, dass sie nach dem Zusammentreten eines neuen Bundestages (am 22. Oktober) zunächst geschäftsführend im Amt bleibt. Und zwar im Prinzip zeitlich unbefristet. Auch kann jemand im dritten Wahlgang mit einfacher Mehrheit zum Kanzler gewählt werden, muss also nicht unbedingt eine Koalition hinter sich haben.

Andererseits hat das Verfassungsgericht im damaligen Verfahren, in dem es Köhler Recht gab, auch davon gesprochen, dass ein schon gewählter Kanzler seine Politik auf das Vertrauen einer Parlamentsmehrheit stützen können muss. Ob das vorhanden ist, erreichbar gewesen wäre oder absichtsvoll verworfen wurde, das entscheidet im Zweifelsfall allein der Bundespräsident. Mögen in der Union manche auf einen neuen Urnengang setzen, weil sie sich davon eine klare Mehrheit erhoffen - so einfach gibt es den nicht. Und umgekehrt müssen SPD und Grüne, die Neuwahlen fürchten, einkalkulieren, dass Gauck sie bei anhaltender Verweigerung sehr wohl anordnen könnte.

Mit seiner Einladung an die Parteiführer hat Joachim Gauck jedenfalls in den beginnenden Verhandlungspoker einen Anspruch eingebracht, der die noch stark in Wahlkampfrhetorik und rein innerparteilichem Denken verhafteten Beteiligten bisher nicht unbedingt antrieb: Ernsthaftes Einigungsbemühen für das Land.