. Wer hier arbeitet, kann nur ein Freak sein. Blöde Vorurteile, sagt Lutz Krüger. Er sitzt im Cottbuser Krematorium vor Computer-Bildschirmen und überwacht den Ofen. Er ist von Beruf Kremationstechniker. Sein System: vollautomatisch. Krüger ist groß, hat blaue Augen und trägt eine Lederweste. Früher war er Kraftfahrer. In der Arbeitslosigkeit hat er 2005 umgeschult. "Hier arbeiten normale Leute. Bei uns wird gelacht und geweint. Wie überall", sagt er.

Seit Autoschieber vor ein paar Wochen in Berlin einen Transporter mit zwölf Leichen gestohlen haben, sind Feuerbestattungen wieder ein mediales Thema. Denn der Leichentransport war auf dem Weg nach Meißen - in das billigste Krematorium Deutschlands. 1000 Leichen werden dort im Monat eingeäschert. 188,90 Euro inklusive Mehrwertsteuer. Billiger macht das in Deutschland niemand.

"Das ist das Problem mit unserer Branche", sagt der Berliner Rechtsanwalt Jörg Konschake. "Alles ist hochsensibel. Macht einer einen Fehler, fällt das auf alle zurück." Konschake ist Geschäftsführer des Cottbuser Krematoriums. Er hatte das Haus übernommen, als es im Jahr 2006 Insolvenz anmelden musste. Zur Unternehmensgruppe gehört auch das Forster Krematorium. Übernommen von der Stadt im Januar 2012. Diese wollte die kommunale Aufgabe loswerden, weil es sich nicht mehr lohnte. Viele Bestatter aus Berlin waren zuvor aus ihren Verträgen ausgestiegen und hatten neue mit günstigeren Anbietern abgeschlossen. Mittlerweile gehören zum Firmenverbund von Rechtsanwalt Konschake und dessen Partnern acht Anlagen - unter anderem in Hameln und in Brandenburg (Havel).

Natürlich werde er oft gefragt, warum er als Anwalt mit dem Schwerpunkt Bau- und Architektenrecht auch Krematoriumsbetreiber ist. "Beides sind notwendige Aufgaben und spezielle Herausforderungen in unserer Gesellschaft", sagt er nach kurzem Zögern. Transparenz sei für ihn wichtig. Er biete in seinem Betrieb auch Führungen an. Zum Beispiel mit der Diakonie und den Johannitern. Da kommen dann ältere Menschen, um sich zu informieren. "Das hier ist nichts Schlimmes", sagt er. Es gehöre zum Leben dazu. Die Menschen verlieren nach den Gesprächen mit dem fachlich geschulten Personal oft ihre Ängste. So einfach, aber gleichzeitig herausfordernd sei das. Die meisten würden nach so einer Führung auch mit einem guten Gefühl nach Hause gehen, sagt Konschake.

Das sieht auch Techniker Krüger so. Wobei am Anfang bei jedem die Frage im Raum steht, ob dieser Job auch zu packen ist. "Und das bekommt man ziemlich schnell mit", sagt er. Dass er den Job packt, hat er gemerkt, als in einem der Särge sein eigener Vater lag. "Er hat gewollt, dass ich an diesem Tag arbeite", sagt Krüger. Auch bei seiner Schwiegermutter hatte er Dienst.

45 Minuten dauert der eigentliche Kremationsprozess in dem Etagenofen. Erst kommt die Hauptbrennkammer, dann folgt die Mineralisierung und zum Schluss die Nachverbrennung, bei der giftige Gase nahezu beseitigt werden sollen. Das Umweltamt prüft die Emissionswerte der Anlage. "Es ist übrigens ein Mythos, dass es bei dicken Menschen länger dauert", sagt Krüger. Im Krematorium hatten sie mal einen sehr stark übergewichtigen Mann. Das ging schnell. "Am längsten hat es mal bei einer ganz dünnen alten Frau gedauert", sagt er. Das sei doch alles eine Frage des Knochenbaus.

Ob lang oder kurz: Die Asche kommt irgendwann in der Urne, die dann versiegelt wird. Im Gegensatz zu anderen EU-Staaten dürfen Angehörige die Asche in Deutschland nicht mit nach Hause nehmen und beispielsweise auf den Kaminsims stellen, wie man es auch aus Filmen kennt. "Da ist das deutsche Gesetz sehr streng", sagt Krüger.

Alles, was nicht verbrannt werden kann, wird in Tonnen gesammelt und von einer Spezialfirma abgeholt. Darin liegen dann Sarg reste, Herzschrittmacher, Hüftgelenke. Über die Verwertung dieser metallischen Überreste kommen mehrere Tausend Euro im Jahr zusammen. Konschake spendet das an gemeinnützige Organisationen wie die Kinderkrebshilfe. Das sei selbstverständlich und noch so ein sensibles Thema. Denn vor ein paar Jahren war ein Krematorium in Hof in die Schlagzeilen geraten, weil Mitarbeiter dort Zahngold im großen Stil entwendet hatten.

Es zählt jeder Cent. Preiskampf. Gerade in Ostdeutschland. Es geht oft nur um Masse, aber nicht um Qualität. Zum Beispiel war der gestohlene Leichenwagen ein handelsüblicher Transporter. Die Toten waren in einfache Kiefernholzkisten gepfercht. Sammeltransporte nennen Bestatter so etwas. "Mit Pietät hat das im konkreten Fall nicht mehr viel zu tun", sagt Rechtsanwalt Konschake. Mengenrabatte und Preisverhandlungen sind auch in der Krematoriumsbranche üblich.

In Cottbus kostet eine Einäscherung ungefähr 220 Euro, in Forst in etwa auch. "Tiefpreissegment", nennt Konschake das. In anderen Regionen werde das Doppelte, gar Dreifache verlangt. Die privaten Brandenburger Krematoriumsbetreiber liefern sich vor allem mit den beiden Berliner Einäscherungsbetrieben einen Preiskampf - beide Eigenbetriebe der Stadt. Vor allem der Standort am Baumschulenweg fährt Verlust ein, da der Neubau seinerzeit über einen Mietkaufvertrag mit einer Laufzeit von 30 Jahren von der Stadt aufwendig errichtet wurde. Vertragsende: 2029. Bis zu diesem Zeitpunkt werden laut Senatsverwaltung jedes Jahr zwei Millionen Euro fällig. In etwa die Summe, mit der beide Krematorien gestützt werden müssen. Trotzdem drücken, so der Vorwurf der Brandenburger, die Berliner Betriebe die Marktpreise. Denn eine Einäscherung in der Hauptstadt kostet 197 Euro, nur geringfügig teurer als in Meißen oder Tschechien. Darüber hinaus kann über die Höhe der Gebühren in Berlin verhandelt werden. Konschake und seine Brandenburger Kollegen sehen in der Stütze der Berliner Eigenbetriebe gar eine unerlaubte Quersubventionierung und erwägen rechtliche Schritte. "Wir werden uns demnächst in einem Berufsverband organisieren", sagt er.

Kürzlich wurde sein Cottbuser Betrieb mit dem RAL-Gütesiegel bedacht. Eine Auszeichnung für Feuerbestattungsbetriebe. Von mehr als 150 Einäscherungsunternehmen in Deutschland haben bisher nur 20 das Siegel erhalten. "Pietät im Umgang mit Verstorbenen und Hinterbliebenen, vertrauensvoller Umgang mit den Bestattern, Einhaltung technischer Standards und ökologisches Bewusstsein", sagt Konschake so schnell und sicher, als gäbe es für ihn keine emotionale Ebene in seinem Geschäft. Dass es die doch gibt, verrät sein Blick.

Denn bevor jemand überhaupt eingeäschert werden darf, müssen 48 Stunden vergehen. In dieser Zeit folgt die zweite Leichenschau. Ein Arzt untersucht die Toten. Entdeckt der irgendwelche Unregelmäßigkeiten, wird die Staatsanwaltschaft hinzugezogen. Für diese Leichenschau müssen die Toten vorbereitet werden. Den Moment der Wahrheit nennen das die Mitarbeiter. Dann werden aus Särgen mit Namen oder Nummern Geschichten. Plötzlich sieht man, dass die Toten nicht nur alte Menschen sind, die im besten Fall ein erfülltes Leben hatten. Darunter sind Verkehrstote, Kranke, Jugendliche und im schlimmsten Fall - Kinder.