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| 02:43 Uhr

Das Ringen um mehr Tierwohl in den Ställen

Legehennen in Bodenhaltung in Bestensee. Sie legen über 300 Millionen Eier pro Jahr.
Legehennen in Bodenhaltung in Bestensee. Sie legen über 300 Millionen Eier pro Jahr. FOTO: Simone Wendler
Bestensee. Bis Januar können Brandenburger ein Volksbegehren gegen "Massentierhaltung" unterschreiben. Doch Tierzahlen allein sagen wenig über die Haltungsbedingungen. Das zeigt ein Besuch beim größten Eiererzeuger der Region. Simone Wendler

Nach den Sommerferien soll es mit Infoständen im ganzen Land so richtig losgehen, kündigt Jens-Martin Rode vom Aktionsbündnis Agrarwende Berlin-Brandenburg an: "Wir sind hoch motiviert, und das Interesse der Menschen an dem Thema ist groß."

Bis Januar müssen die Aktivisten um Rode 80 000 Brandenburger dazu bewegen, im Rathaus ihre Stimme für das Volksbegehren abzugeben. Wenn das gelingt, muss sich der Potsdamer Landtag erneut mit den Forderungen der Kampagne befassen (siehe unten). Einen prominenten Unterzeichner hat das Volksbegehren schon: Brandenburgs Minister für Justiz und Verbraucherschutz Helmuth Markov (Linke).

Brandenburgs Landesbauernverband will nicht tatenlos zusehen, wie Unterschriften gegen "Massentierhaltung" gesammelt werden. Möglichst viele Mitglieder sollen ihre Stalltüren für Interessierte öffnen. Einige Milchbauern aus dem Elbe-Elster-Kreis sind schon mit gutem Beispiel vorangegangen. Auch Richard Geiselhart, Chef des größten Legehennenbetriebes in der Region, versichert: "Wenn jemand Interesse daran hat, zeige ich ihm unseren Betrieb." Vor vier Wochen waren zwei Brandenburger Landtagsabgeordnete der Grünen bei ihm zu Gast.

Die Kritik der Initiatoren des Volksbegehrens richtet sich besonders gegen große Schweine- und Geflügelhalter. "Ein Milchbauer mit 200 Kühen ist nicht das Problem", so Rode vom Aktionsbündnis. Kriterium für "Anlagen mit einer gewissen Größe", wie es in den Forderungen des Bündnisses heißt, sei die Grenze, ab der bei einem Stallneubau eine Umweltverträglichkeitsprüfung einzuholen sei. Das läge bei Schweinen um die 2000 Tiere, bei Geflügel um die 40 000. Eine Zahl, die das Unternehmen von Richard Geiselhart spielend um ein Vielfaches überbietet.

Der gelernte Landwirt mit internationaler Berufserfahrung und Allgäuer Akzent ist Chef des Spreenhagener Vermehrungsbetriebes für Legehennen GmbH (SVB) und des Tochterunternehmens Landkost mit Sitz in Bestensee (Dahme-Spreewald). Allein am Hauptsitz der Firma ist Geiselhart verantwortlich für rund 1,5 Millionen Hühner.

An insgesamt vier Standorten produziert das Unternehmen jährlich 600 Millionen Eier. Mehr als die Hälfte davon kommt aus Bestensee. Weitere 300 Millionen Eier werden zugekauft, alles direkt an Handelsketten vermarktet. "Wir sind einer der größten Bio-Eier-Händler in Deutschland", so Geiselhart.

Anders, als der noch aus DDR-Zeiten stammende Begriff "Vermehrungsbetrieb" im Namen vermuten lässt, kauft der Betrieb Küken ein und zieht sie zu Junghennen auf. Dann kommen sie in die Legeställe. In Bodenhaltung, maximal neun Tiere pro "nutzbarem Quadratmeter", so der Firmenchef.

In der Realität bedeutet das Ställe, in die auch Tageslicht kommt, mit Sand auf dem Boden, und die so belüftet sind, dass es auch an heißen Tagen nicht stinkt. Die Hennen können in Volieren flattern, auf Stangen in verschiedener Höhe sitzen. "Spielzeug" soll sie davon abhalten, auf Artgenossen einzupicken. Geiselhart ist überzeugt, dass es seinen Hühnern gut geht, doch er räumt auch unumwunden ein: "Die Gesamtzahl der Tiere ist schon beeindruckend."

Im November 2014 wurde die Firma von Tierschützern aus Berlin bei der Staatsanwaltschaft Cottbus angezeigt. Der Vorwurf: Hühner seien zu eng in Transportkäfige gepresst worden. Drei Monate später stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. Auch das Veterinäramt fand keine Mängel.

"Wir machen viel mehr, als wir laut Gesetz müssten", sagt Geiselhart. Während der dreimonatigen Ermittlungen seien jedoch ein Dutzend Mal Unbekannte in die Ställe eingebrochen, vermutlich auf der Suche nach Bildern kranker oder toter Tiere.

Geiselhart rechnet vor, dass jedes dritte in Deutschland verbrauchte Ei heute aus dem Ausland kommt: "Wenn uns die Daumenschrauben angezogen werden, wird sich dieser Anteil erhöhen." Der Eiermarkt sei schon lange ein europäischer. Volksbegehren hält er für ein gutes demokratisches Mittel, nur die Forderungen der aktuellen Aktion stünden auf tönernen Füßen, zum Beispiel das geforderte Verbot des Schnabelkürzens.

Dass damit ab 2016 Schluss sein soll, dazu gebe es schon eine freiwillige Vereinbarung zwischen dem Zentralverband der Geflügelwirtschaft und dem Bundeslandwirtschaftsministerium. Schon heute gebe es in Bestensee Testställe mit "nicht behandelten" Hühnern. "Ab August nächsten Jahres setzen wir nur noch Hühner ohne kupierte Schnäbel ein", versichert Geiselhart. Die Eierproduktion werde dadurch jedoch teurer. Die Tiere brauchten dann einen höheren Eiweißgehalt im Futter, mehr "Spielzeug", und auch der Personalbedarf in den Ställen steige.

Für den Chef des Eiergroßproduzenten gibt es eine einfache Alternative zum aktuellen Volksbegehren. Schon jetzt gebe es Eier mit zehn Cent Aufschlag pro Packung für mehr Tierwohl: "Wenn die Leute eine andere Hühnerhaltung wollen, dann sollen sie anders einkaufen."

Kommentar: Der Preis des Fleisches