Ein Mann namens Reno war der Mittelpunkt des Abends. Anwesenheit war ihm aber verwehrt. Er sitzt seit 26 Jahren, wie 650 weitere Hinrichtungskandidaten streng bewacht, in einer nur 2,50 mal 1,60 Meter kleinen Todeszelle im berüchtigten Gefängnis St. Quentin (USA). 1978 wegen Mordes an einem zwölfjährigen Jungen festgenommen und verhaftet, war er 1980 zum Tode verurteilt worden.
Reno (61), ein Mann ohne Beruf, der vor seinem Prozess ganz verschiedenartig gejobbt und in Los Angeles drei, vier freudvolle Jahre erlebt hatte, begann im Gefängnis zu malen. Seine Bilder wurden zum Blick nach draußen. Die Welt, die ihm seit Jahren verwehrt wird, bildet sich unter seinen Pinselstrichen auf dem Papier ab. Wer Tag für Tag nur das Grau der einem Mauseloch ähnelnden winzigen Gefängniszelle, der düsteren Gänge, der hochummauerten Freiganghöfe sieht und alle Ängste kennt, die Desperados im Knast verbreiten, der wachträumt von Farben und Harmonie.
Da man auch Wachträume nicht festhalten kann, malt er sie. Reno denkt sich eine Welt aus, die die Sonne zum Paten hat: schöne üppige Landschaften. Er denkt daran, wie es wäre, dort eine Blockhütte zu haben, auf Jagd oder zum Fischen zu gehen. Eine andere Landschaft wird von drei Enten überflogen. Er träumt sich in ihre geflügelten Leiber und erhebt sich mit wohligem Schauer in die Lüfte, steigt, St. Quentin wird immer kleiner und entfernt sich. Ein andermal versetzt er sich in Westernheld John Wayne. Vielleicht könnte dessen Autorität seinem Fall eine Wende geben.
Denn es gibt in der Gerichtsakte dieses Todeskandidaten Zweifelhaftes. Als jener Mord 1978 geschah, stocherte die Polizei lange im Trüben und fand keinen Täter. Da wusste einer der Polizisten einen möglichen Ausweg. Er kannte eine Wahrsagerin. Der trug er den Fall vor. Sie konzentrierte sich und fertigte ein Phantombild des Täters. Das hatte Ähnlichkeit mit Reno, der stadtbekannt mit vorpubertären Jungen Spiele machte und Sport trieb. Unter dem Druck langer Verhöre gestand er die Tat. Dieses Geständnis dementiert er heute.
Die Umstände seiner Festnahme und Verurteilung schildert nicht er, sondern der in Amerika lebende deutsche Journalist Arndt Peltner, der sich 1995 für diesen und andere Fälle interessierte und Akteneinsicht erhielt. Er freundete sich mit Reno an, besucht ihn seitdem regelmäßig und organisiert Ausstellungen wie die in Cottbus. Peltner, der als Amerika-Korrespondent deutscher Rundfunkstationen und Zeitungen arbeitet, erzählte während der Ausstellungseröffnung auch von den Träumen und Sehnsüchten des Verurteilten und seiner Art, sich in seinen Gemälden ein Bild von der Welt zu machen.
Steffen Reiche plädierte gegen die Todesstrafe als juristische Sanktion. Sich an Leben zu vergreifen sei auch keinem Staat erlaubt, zumal Fehler der Justiz nicht auszuschließen seien. Eine Liste in der Ausstellung verzeichnet die Namen von 119 unschuldig Verurteilten, die nach vielen Jahren aus dem Todestrakt entlassen werden mussten. Für andere kam der Unschuldsbeweis zu spät.
Sicher wird Peltner dem Maler ein Echo überbringen. Er wird erzählen von der Ausstellung „Grenzüberschreitung“ , in der Lausitzer Künstler sich des Themas Todesstrafe annahmen. So haben Hans-Jürgen Drabow in einer Papierskulptur Machtmissbrauch von Polizei, Justiz und Strafvollzug, Klaus Herrmann auf Aquarellen Angst und Abgrund und Dietmar Wehlan seelische Bedrängnisse thematisiert. Anne Hofmann vom Staatstheater Cottbus traf mit Liedern aus dem Liederkreis op. 39 von Robert Schumann nach Texten von Joseph von Eichendorff in leidenschaftlichem Vortrag genau die elegische Stimmung, die die Bilder ausstrahlen.
Die Ausstellung ist bis in den Februar nach Vorabsprache (Tel. 0355 / 28 91 800) zu besichtigen.