In Kurna, 500 Kilometer südlich von Bagdad, liegt er: der Garten, in dem laut Bibel und Koran das erste Menschenpaar Eva und Adam lebte. Eine kleine vertrocknete Pflanze gilt als der Baum, von dem Eva den Apfel pflückte, der zur Vertreibung aus dem Paradies führte.
Zusammen mit Freundinnen ist Sara mit dem Bus zu diesem Paradies auf der „Achse des Bösen“ gefahren. Mit einer Schere schneidet die Frau mit den hennabemalten Fingernägeln und dem schwarzen Gewand einen Zweig ab.

„. . . dann beschütze uns Gott“
Den will sie ihrem Sohn schenken, der als Soldat eingezogen wurde. „Wenn der Krieg ausbricht, dann beschütze uns Gott. Ich hoffe, sie verschonen meinen einzigen Sohn“ , sagt Sara. Gott möge die Iraker vor einem Angriff der USA und vor den Raketen schützen, sagt Ibtissam Schalhub, eine Freundin von Sara.
Fast inbrünstig berührt sie den Baum, der den Sündenfall ausgelöst haben soll. Dass es sich bei dem Garten um den Garten Eden und bei dem Baum um den berühmten Apfelbaum handeln soll, wird seit Generationen überliefert. „Seit ich denken kann, steht der hier“ , erzählt der 27-jährige Kartan Adnan. „Mein Vater hat mir erzählt, dass der Baum mindestens 2000 Jahre alt ist“ , sagt der Händler, der in einem kleinen Häuschen aus Ziegelsteinen mit Blick auf das Paradies lebt.
Alles andere als paradiesisch ist der Alltag in Kurna: „Der Krieg ist ständig präsent“ , sagt Sirak Baja, dessen Hotel in Kurna direkt an der Stelle liegt, an der die Flüsse Euphrat und Tigris sich treffen, dort, wo einst das mesopotamische Reich entstand. Morgens und abends würden US-Kampfflugzeuge über die 250 000-Einwohner-Stadt brettern, sagt er. Vor einem Monat hätten sie sogar eine Bombe in den Palmenwald am gegenüberliegenden Ufer abgeworfen, erzählt er. Dadurch seien Fensterscheiben zu Bruch gegangen.
Außer Ölarbeitern aus aller Welt übernachtet fast niemand in Bajas Hotel, denn überall in Kurna ist der Krieg präsent. In dem riesigen Palmenwald, der die Stadt umgibt, sind noch die Spuren des 1980 bis 1988 dauernden Iran-Irak-Kriegs sichtbar. Viele Baumwipfel wurden von iranischen Raketen rasiert.
Der 75-jährige Abu Dia erinnert sich noch genau: „In einer Nacht 1984 bezogen iranische Soldaten am anderen Flussufer Stellung“ , erzählt er, eine Gebetskette in der Hand haltend. Dann hätten sie den Fluss überquert und mehrere Anwohner getötet, bevor die irakische Armee sie vertrieben habe.
Auch der zweite Golfkrieg 1991 ging an Kurna nicht vorbei. Auf der noch immer durchlöcherten Brücke über dem Euphrat kam der Vater von Ihsan Rahim ums Leben. „Ich habe gerade die Netze vorbereitet, um mit ihm fischen zu gehen“ , erzählt er.
Er habe seinen Vater ins Krankenhaus gebracht, sei aber dann schnell zurückgekehrt. Denn „die Fische warten nicht“ . „Die Amerikaner sollen uns einfach in Ruhe lassen“ , schimpft Taleb Dschassem Hussein. Der 75-Jährige verlor im Krieg gegen Iran einen Sohn.

Kein Zweifel am Paradies
Dass er im Paradies wohnt, daran hat er keinen Zweifel. „Kennen Sie einen schöneren Ort als diesen hier?“ , fragt er. „Natürlich ist das hier der Garten Eden!“ Eine genaue Erklärung liefert Scheich Nuri Hussein Ali, der Muezzin der Hadsch-Nadschem-Moschee in Kurna: Früher sei dort alles voller Wasser gewesen.
Schließlich habe sich die Erde ausgebreitet und der erste Mensch sei aufgetaucht. „Das war Adam. Und der Baum hier ist der älteste der Welt“ , ist er überzeugt. Dann sei der Teufel in das Gehirn von Kain eingedrungen, woraufhin dieser Abel getötet habe.
Bei den Amerikanern dagegen sei nicht der Teufel Schuld. Es sei die „Habgier“ . „Sie wollen unseren Reichtum, unser Land, unser Paradies. Aber wir lassen das nicht zu.“