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| 02:40 Uhr

Das leuchtende Gelb der Geschichte

Berlin. Der langjährige Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist tot. Der FDP-Politiker starb in der Nacht zum Freitag im Alter von 89 Jahren an Herz-Kreislauf-Versagen, wie sein Büro in Bonn mitteilte. Genscher war – von 1974 bis 1992 – Außenminister und in dieser Funktion maßgeblich an den Verhandlungen zur deutschen Einheit beteiligt. Werner Kolhoff

Auf seiner Website "genscher.de" blickte er die Besucher am Freitag noch offen an. Der runde Kopf, das breite, schelmische Lächeln, die großen Ohren. Man meint förmlich seine heisere Stimme zu hören. "Freiheit und Verantwortung gehören für uns Liberale untrennbar zusammen", stand da als herausgehobene Botschaft neben dem Foto. Diese Botschaft ist der Lebensinhalt von Hans-Dietrich Genscher, der, wie gestern bekannt wurde, bereits am Tag davor mit 89 Jahren in seinem Haus in Bonn starb.

Von der nun 70 Jahre andauernden Nachkriegsgeschichte Deutschlands hat er ein Drittel geprägt. So sehr geprägt, dass es zwischen 1969 und 1992 kein einziges zentrales Ereignis gab, an dem er nicht beteiligt war. Und zwar entscheidend beteiligt war. Die erste sozialliberale Koalition mit Willy Brandt - sein Werk. Das Olympia-Massaker in München - er als Innenminister mitten im Geschehen. Der Koalitionswechsel zur CDU, die Kanzlerschaft Helmut Kohls. Ohne ihn hätte es sie nicht gegeben. Der Zwei-Plus-Vier-Vertrag über die Wiedervereinigung Deutschlands. Er war seine Strategie und trägt seine Unterschrift. Die schnelle Anerkennung der Ex-Republiken Jugoslawiens, vielleicht ungewollt der Auslöser der Balkankriege in den 1990er-Jahren: auch das seine Entscheidung.

Und das sind nur die großen historischen Meilensteine, hinter denen unglaublich viele kleine liegen. Tausende von Treffen, von Kompromissen, von Interviews, von Krisen, von Entscheidungen. Der Spitze der FDP gehörte er mehr als 30 Jahre an, den Ehrenvorsitz eingerechnet sogar mehr als 50 Jahre. Und neun Bundeskabinetten. Das Ereignis, das ihn am populärsten machte, 1989 die Verkündigung der Ausreiseerlaubnis für Tausende DDR-Bürger auf dem Balkon der Prager Botschaft, war auch eher so ein Detail, wie es Außenminister vielfach zu verhandeln haben. Aber es hat sich ins Gedächtnis eingebrannt: "Wir sind gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Nacht ihre Ausreise. . .". Grenzenloser Jubel. Es war nichts weniger als eine große Nachricht der Befreiung, die er da symbolisch verkündete.

Genscher hat Deutschland 18 Jahre lang in der Welt repräsentiert, so lange wie keiner sonst. Und er war dabei so präsent, dass man sich schon Witze erzählte: Begegnen sich zwei Flugzeuge über dem Atlantik - in beiden sitzt Genscher. Manche sagten auch "Genschman", der Mann war Kult. Heute bringt es ein Frank-Walter Steinmeier lässig auf so viele Flugmeilen, aber damals war das noch etwas Besonderes. Dabei war die viele Reiserei nicht Hobby, sondern hatte etwas mit Genschers besonderem Politikansatz zu tun: Die von ihm beschworene Verankerung Deutschlands in internationale Organisationen und sein Einsatz für eine aktive Entspannungspolitik. In einem seiner letzten Aufsätze nannte Genscher das "globale Verantwortungspolitik" und fügte hinzu: "Worte wie Macht oder Machtpolitik sind altes Denken." Das ist seit Genschers freiwilligem Ausscheiden aus dem Ministeramt im Jahr 1992 Standard der deutschen Außenpolitik. Es hat schon eine besondere Bedeutung für das Auswärtige Amt, dass auch Genschers Nach-Nach-Nach-Nachfolger Guido Westerwelle gerade gestorben ist; die Gedenkfeier für ihn findet am Montag im Ministerium statt. Genscher hatte seine Teilnahme daran mit Blick auf seine nach einer Wirbeloperation schwer angeschlagene Gesundheit absagen müssen. Wohl schweren Herzens, denn Westerwelle war in jeder Hinsicht, als FDP-Vorsitzender wie als Außenpolitiker, sein Ziehkind.

Wer so lange in so hohen Ämtern ist, hinterlässt auch Geschlagene und Verletzungen, zumal Genscher, der nicht zimperlich war. Was war seine Rolle beim Sturz Willy Brandts 1974? Die Fragen sind nie verstummt, denn er wusste als Innenminister sehr viel von den Geheimdiensten. Auch den Wechsel 1982 zur CDU - den "Verrat" - haben die Sozialdemokraten Genscher nie verziehen. Die "Bonner Wende" hatte Genscher selbst als Begriff geprägt. Allzu taktisch erschien vielen der Liberale, allzu berechnend.

Allerdings, viele unterliegen bei Genscher bis heute einem Irrtum. Sie sehen seine persönliche Liebenswürdigkeit, zum Beispiel seine Treue zu seiner Geburtsstadt Halle, die er 1952 als Flüchtling in Richtung Westen verließ. Oder seine schon skurrile Vorliebe für gelbe Pullunder, die auf fast jedem Foto der 70er-, 80er- und 90er-Jahre leuchten. Aber sie übersehen, dass er auch ein knallhart kalkulierender Parteipolitiker war, ein Stratege. Nie hat er seine Partei im Stich gelassen. Er war das Gesicht der FDP, wie es Willy Brandt bei der SPD war und Helmut Kohl oder Konrad Adenauer bei der CDU. Das ist die Dimension seines Todes. "Hans-Dietrich Genscher hat Geschichte geschrieben und unser Land geprägt", schrieb sein später Nachfolger Christian Lindner gestern. "Unsere Trauer kann nicht größer sein."

www.lr-online.de/genscher