„Der Schock
sitzt noch
immer tief.“
 Oberstleutnant
Dietmar Nehrig,
Kommandeur des Truppenübungsplatzes


Es herrscht fast ungestörte Ruhe zwischen Weihnachten und Neujahr auf dem Truppenübungsplatz „Oberlausitz“ bei Weißwasser. Kurz hinter der Wache der TÜP-Kommandantur in Weißkeißel-Haide pflastern Arbeiter einer regionalen Baufirma einen Gehweg. Ein Werkstatt-Wagen des Servicecenters der militärischen Schulungs- und Übungseinrichtung kommt gerade von Wartungsarbeiten auf Anlagen des über 16 000 Hektar großen Geländes, das von Neiße, Niederschlesischem Teichgebiet sowie den Ortschaften Weißkeißel, Sagar und Skebersdorf begrenzt wird. Das Leben nach dem tragischen Schießunfall am Nachmittag des 9. Dezembers mit zwei Toten und vier Verletzten geht seinen scheinbar gewohnten Gang. Der Kommandeur des Truppenübungsplatzes, Oberstleutnant Dietmar Nehrig (53), aber gibt zu: „Der Schock sitzt noch immer tief.“ Selbst wenn Soldaten auf Einsätze vorbereitet werden, die gefährlich sind und das Leben kosten können, sei man sehr betroffen, wenn Kameraden sterben, noch dazu auf dem Platz, auf dem man die Verantwortung trage, sagt Nehrig in einem RUNDSCHAU-Gespräch.

Staatsanwaltschaft Görlitz ermittelt
Noch ermittelt die Staatsanwaltschaft Görlitz, warum es beim Entfernen der Treibladung aus dem havarierten Kanonenrohr zur Explosion kam. Klar ist indes nach Auskunft von Nehrig, wie es überhaupt zum Ladefehler kam. Im Eifer des „Übungsgefechts“ war die Besatzung der Panzerhaubitze 2000 demnach schneller als die mechanische Ladeeinrichtung der modernen Waffe. Diese befördere das Geschoss in das Rohr, danach werde die Treibladung manuell in die Haubitze gegeben. Beim Unfall sei es zur verhängnisvollen Umkehr des Ladevorgangs gekommen. Beim Versuch der Instandhalter, die Kanone zu entschärfen, sei die Treibladung explodiert.
Nach bisherigen Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Görlitz wurde versucht, das Geschoss mechanisch nach hinten aus dem Rohr zu drücken. Dafür wurde eine „Ausdrückkatze“ benutzt. Vermutlich wurde das Hauptaugenmerk jedoch auf das Geschoss und nicht auf den Sprengstoff gelegt, der sich in diesem Fall zwischen der „Ausdrückkatze“ und dem Geschoss befunden habe, so Oberstaatsanwalt Sebastian Matthieu. Ein Ende der Ermittlungen sei noch nicht absehbar. Laut Matthieu untersuche die Staatsanwaltschaft anhand von Unterlagen gegenwärtig, ob das Bedienpersonal ausreichend qualifiziert war. Die Experten der Bundeswehr prüfen, warum sich die Treibladung entzündete. Einen solchen Unfall habe es nach Aussagen der Armee noch nicht gegeben, so Matthieu.
Inzwischen sind nach Auskunft von TÜP-Kommandeur Nehrig von der Artillerie-Schule des Heeres Weisungen präzisiert worden, wie bei falschem Laden der Haubitze zu handeln ist. Dazu gehöre die umgehende Information der TÜP-Kommandantur, damit diese im Bedarfsfall eigene Feuerwerker in die Geschützstellung entsenden könne.
Trotz des Unglücks, das bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat, sieht Nehrig den Bundeswehr-Standort in der Oberlausitz auf einem guten und aus momentaner Sicht gesicherten Weg. Das sei auch für die Region von Bedeutung. Schließlich gehöre der TÜP zu den größten Arbeitgebern im Niederschlesischen Oberlausitzkreis. Immerhin sind die meisten der über 300 Beschäftigten Zivilangestellte. Nur jeder Zehnte trägt die Bundeswehruniform. Zudem lebt das Handwerk von und mit dem Truppenübungsplatz. Allein in diesem Jahr investierte die Armee 5,7 Millionen Euro in ihre Infrastruktur. Überwiegend regionale Unternehmen bauten Wege, ein neues Waschgebäude, einen Abstellplatz für Rad- und Kettenfahrzeuge und sanierten zwei Kasernengebäude.
Für das kommende Jahr sind weitere fünf Millionen Euro für Investitionen gebunden. Zudem müssen die Soldaten, die ihre Übungen im Gelände absolvieren, verpflegt werden. Für Bäcker, Fleischer und andere Händler sind sie ein wichtiger Posten. Immerhin waren in diesem Jahr knapp 18 000 Armeeangehörige von außerhalb im Durchschnitt für neun Tage auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz.
Natürlich ist für die Bewohner in Weißkeißel, Sagar, Skebersdorf oder Podrosche das Leben mit Geschoss-, Flug- und Fahrzeuglärm nicht das reine Zuckerschlecken, räumt Nehrig ein. So gab es nach einer großen Lehrübung vor zwei Jahren massive Beschwerden von Dorfbewohnern. Obwohl danach durchgeführte Lärmmessungen noch nicht abschließend ausgewertet seien, habe die Bundeswehr bereits auf wichtige Ergebnisse der Überprüfungen reagiert. So werden vier von den elf Schießbahnen nicht mehr für Übungen mit der Panzerhaubitze 2000 genutzt. Für den Panzer Leopard 2A6 wurde die letzte Feuerlinie um etwa einen Kilometer in die Tiefe des Platzes zurückgenommen. Das grenze den Übungsraum zum Führen von Angriffsaktionen zwar ein, doch im Interesse eines vernünftigen Miteinanders sei das ein aus Armee-Sicht vertretbarer Kompromiss, sa gt Nehrig.
Die Modernität des Platzes ist für den TÜP-Kommandeur ein wichtiges Argument für dessen Fortbestand. Im kommenden Jahr werden zwei weitere Schießbahnen modernisiert. Laut Nehrig ist der Truppenübungsplatz Oberlausitz dann der einzige in Deutschland, dessen Anlagen komplett computergesteuert sind. Zudem könnte mit allen im Heer üblichen Waffen geschossen werden, von der Pistole bis zum Panzer.

Standortnachteile ausgeglichen
Dadurch würden Standortnachteile ausgeglichen. Das Gelände an der polnischen Grenze sei nun einmal weit weg vom Zentrum der Truppenstandorte. Dass inzwischen Verbände aus den Niederlanden zu den Stammgästen in der Lausitz gehören, wertet Nehrig als gutes Zeichen für die Zukunft.

Hintergrund Wolfs Revier bei der Bundeswehr
  Mit 16 100 Hektar ist der Truppenübungsplatz „Oberlausitz“ der viertgrößte in Deutschland.
Der Platz liegt in der Muskauer Heide. 60 Prozent sind Wald. Hinzu kommen Heide- und Dünengebiete sowie einige Brachflächen.
Seit 1945 wird das Gelände militärisch genutzt; zunächst durch die Sowjetarmee, später durch die Kasernierte Volkspolizei und die NVA, nach der Wiedervereinigung 1990 durch die Bundeswehr.
Das militärische Übungsgelände ist nicht eingezäunt, aber für Wanderer und Touristen gesperrt.
Das Zutritts-Verbot hat Vorteile für die Natur. So wurde der Truppenübungsplatz zu Wolfs Revier. Nach der Ausrottung der Wölfe in Deutschland îm Jahre 1904 wurde 1998 in der Lausitz wieder ein Wolfspaar gesichtet, das sich inzwischen vermehrt hat.
Wölfe stehen seit 1990 in Deutschland unter Naturschutz, seit 1992 in der EU.