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Das komplizierte Puzzlespiel der Wolfsmanager

Zwei Wölfe, aufgenommen von einer Fotofalle bei Neustadt in Sachsen.
Zwei Wölfe, aufgenommen von einer Fotofalle bei Neustadt in Sachsen. FOTO: Lupus
Rietschen. Wie viele Wölfe es in der Lausitz gibt, kann niemand mit Gewissheit sagen. Zu schwierig ist es, den scheuen Tieren auf die Spur zu kommen. Nur über die Rudel und deren ungefähren Nachwuchs können Biologen Auskunft geben. Und selbst das ist schon eine Heidenarbeit. Bodo Baumert

Ein Wolf wird gesichtet. In der morgendlichen Dämmerung. Am Waldesrand. In der mittlerweile von Dutzenden von Wolfsrudeln bevölkerten Lausitz ist das keine Seltenheit mehr. Für die Forscher Ilka Reinhardt und Gesa Kluth vom Lupus Institut für Wolfsmonitoring und -forschung sind es dennoch wichtige Beobachtungen. "Wir sind auf solche Hinweise angewiesen", sagt die Biologin. Über Anrufe von Bürgern sei man - anders als in anderen Bundesländern - dankbar. Denn sie helfen ein kompliziertes Puzzlespiel zusammenzufügen, ein Puzzlespiel, das Jahr für Jahr neu entsteht.

Wölfe bleiben im Wald

Die Vorlage für das Puzzlespiel bildet ein Raster, zehn Quadratkilometer groß, Feld für Feld, gezogen über ganz Europa. Darin tragen Beauftragte in den einzelnen Ländern ihre Beobachtungen ein, von Wolf, Luchs oder Bär. In der Lausitz ist es ersterer, der sich den Menschen zeigt - wenn auch nur in sehr seltenen Fällen.

Denn obwohl es immer mehr Rudel in Brandenburg und Sachsen gibt und diese sich nach wie vor speziell in der Lausitz konzentrieren, weichen die Wölfe dem Menschen aus. Auswertungen der Daten besenderter Wölfe haben ergeben, dass sich die Tiere weitgehend in den Wäldern aufhalten - tagsüber zu 90 Prozent, während der Jagd in der Nacht und in der Dämmerung zu knapp 70 Prozent. Menschliche Siedlungen meiden die Tiere nach wie vor so gut wie vollständig.

Wie also will man da feststellen, welcher Wolf wo lebt? Die Forscher bedienen sich verschiedener Methoden. Fotofallen beispielsweise liefern Aufnahmen der Tiere, die an ihnen vorbeilaufen. Die Fotofallen sind selbstauslösende Kameras, die in der Regel an Bäumen angebracht werden, um Wild zu fotografieren. Durch einen Infrarotsender registrieren sie, wenn eine Bewegung vor der Fotofalle stattfindet. Ein Blitz im nicht sichtbaren In fra rot-Bereich leuchtet das Bild aus und bleibt für die Wildtiere weitestgehend unbemerkt. Auch Filmaufnahmen werden an Punkten gemacht, an denen Tiere vermutet werden.

Durch die Fotofallen können Nachweise erbracht werden, ob ein Wolf oder mehrere Tiere in einem Gebiet vorhanden sind, sowie ob es bereits Reproduktion gab und wie viele Welpen geboren wurden. Dabei handelt es sich jedoch immer nur um eine Mindestanzahl, da nicht sichergestellt werden kann, ob sich alle Welpen auf dem Foto befinden.

Spuren verraten viel

Aufschlüsse erhalten die Biologen auch aus den Hinterlassenschaften der Tiere, der Losung. Spuren im Waldboden, im Schnee oder Sand sind für die geübten Beobachter weitere wichtige Hinweise. Größe, Tiefe oder Schrittlängen lassen Schlüsse über das Alter des Tieres zu. Erwachsene Wölfe, die ein Territorium besitzen, hinterlassen zudem viele gut verteilte, meist erhöht abgesetzte Urinmarkierungen, Jungwölfe hingegen tun dies nicht. Genetische Proben aus Urin, Kot oder Haaren helfen, die Tiere zuzuordnen.

Dafür sind die Hinweise aus der Bevölkerung ein wichtiger Indikator. "Dann wissen wir, wo wir hinschauen müssen", erklärt Ilka Reinhardt. Auch die Beobachtungen selbst fließen in die Auswertung ein.

Derzeit keine Sender in Sachsen

Eine reiche Fundgrube für die Forscher sind vor allem Sender, die sie den Tieren mitgeben. In Sachsen ist das allerdings derzeit ein Problem. EU- und Landesrecht blockieren sich gegenseitig, sodass das Besendern der Tiere momentan gar nicht möglich ist. "Die Landesregierung ist mit Brüssel im Gespräch. Wir hoffen, dass eine Lösung gefunden wird", sagt Ilka Reinhardt.

Auf Grundlage aller gesammelten Daten versuchen die Wolfsforscher dann Rudel, Paare ohne Nachwuchs und Einzeltiere zu identifizieren. Stück für Stück entsteht eine Karte, die den Lausitzern mittlerweile vertraut ist. Große Kreise markieren die Gebiete der Rudel. Jedes Jahr sieht das ungefähr gleich aus, außer dass es immer mehr Rudel auf einer größer werdenden Fläche werden. Im vergangenen Jahr haben sich in Sachsen beispielsweise fünf neue Rudel (Königshainer Berge, Gohrischheide, Biehain, Cunewalde, Knappenrode) und drei neue Paare (Neustadt, Raschütz, Bernsdorf) etabliert.

Doch der erste Blick täuscht. Die Territorien der einzelnen Rudel sind keineswegs starr. Im Gegenteil. Es finden stetige Verschiebungen statt. Neue Rudel drängen in alte Territorien, Tiere weichen aus, dringen in andere Reviere vor oder suchen sich neue Jagdgebiete. Die Karten der Wolfsforscher stellen deshalb immer nur eine Momentaufnahme dar.

Ein Beispiel aus dem aktuellen Monitoringbericht des Lupus Instituts: Das Gebiet um Neustadt (Gemeinde Spreetal) war von 2004 bis zum Jahr 2008 Kerngebiet des Neustädter Rudels. 2009 wurde es vom Milkeler Rudel übernommen. Nun hat eine Tochter des Milkeler Rudels hier ihr eigenes Territorium etabliert. Auch das Knappenroder Rudel, dessen Territorium am westlichen Rand des Milkeler Territoriums liegt, wurde von einer Tochter aus dem Milkeler Rudel gegründet.

Manchmal sind sich allerdings auch die Experten unschlüssig. Im südlichen Teil des Landkreises Görlitz, im Bereich um Löbau bis ins Zittauer Gebirge, etwa liegen einzelne Nachweise von Wölfen vor. "Jedoch ist noch unsicher, ob es sich bereits um ein etabliertes Territorium handelt", schätzt das Wolfsbüro vorsichtig ein.

Selbst Experten sind uneins

Ähnlich sieht es auf Bundesebene aus. Vor Kurzem trafen sich in Berlin die Wolfsexperten der Länder, um die Daten für Deutschland zusammenzuführen. Bis zuletzt wurde dort diskutiert. Wie viele Rudel sind es nun insgesamt? 44? Oder sogar 46? Zu wie vielen Wolfspaaren liegen gesicherte Erkenntnisse vor?

Fest steht, es werden stetig mehr. Die Rückkehr des Wolfes sei eine Erfolgsgeschichte, sagt die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Beate Jessel. Doch für die Wolfsforscher wie Ilka Reinhardt ist es auch ein Problem. Immer mehr Wölfe müssen die Forscher im Blick behalten. "Wir sind dringend auf Hilfe angewiesen, sei es auf Beobachtungen aus der Bevölkerung oder auf Ehrenamtliche, die sich am Monitoring der Wölfe beteiligen wollen", sagt die Biologin. Jeder, der helfen wolle, sei willkommen.

lr-online.de/Lausitzer-Woelfe

Zum Thema:
Wolfshinweise können an die Kreisverwaltungen des jeweiligen Landkreises, an das Kontaktbüro "Wolfsregion Lausitz" (Telefon 035772 46762, kontaktbuero@wolfsregion-lausitz.de) oder an das Lupus Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland (Telefon 035727 57762, kontakt@lupus-institut.de) gemeldet werden.