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"Das komische Bauchgefühl" beim Einsatz

In einem Raum des Feuerwehr-Ausbildungszentrums in Forst proben Sanitäter den Einsatz in einer Sammelunterkunft unter Aspekten der Eigensicherung.
In einem Raum des Feuerwehr-Ausbildungszentrums in Forst proben Sanitäter den Einsatz in einer Sammelunterkunft unter Aspekten der Eigensicherung. FOTO: Jürgen Scholz
Forst. Mitarbeiter des Rettungsdienstes im Landkreis Spree-Neiße lernen auf ihre Sicherheit zu achten – und wie man Zünder baut. Jürgen Scholz

Das komische Bauchgefühl ist der wohl am häufigsten gebrauchte Begriff an diesem Nachmittag. Gemeint ist die Ahnung, dass etwas nicht stimmt. Dass Helfer vom Rettungsdienst zur Zielscheibe werden könnten. Einen Tag lang haben Mitarbeiter des Falck-Rettungsdienstes im Landkreis Spree-Neiße gelernt, wie sie auf ihre eigene Sicherheit achten können. Und so lernen 22 Sanitäter - theoretisch - Waffen und ihre Wirkung kennen, bekommen eine Ahnung, welche Baumarktwaren auf dem Küchentisch auch Zünder für eine Sprengfalle werden könnten, wie sie die Waffe von einem Besinnungslosen entfernen - oder wann sie auf die Polizei warten sollten.

Ihr Dozent ist Mario Pröhl. Der 45-Jährige war mehr als 20 Jahre bei der Bundeswehr, davon 17 Jahre bei einer Eliteeinheit und im Auslandseinsatz. Heute ist er freischaffender Sicherheitsberater, Ausbilder, Personenschützer. Den Lehrgang "Taktische Eigensicherung im Rettungsdienst" hat er mit Christoph Lippay entwickelt. Lippay ist Leiter der Unternehmenskommunikation bei Falck, aber auch Autor für Beiträge in Fachzeitschriften und im Kurs Assistent von Pröhl. Das Konzept sei bundesweit einzigartig und der siebte Lehrgang dieser Art, so Lippay. Das Interesse sei groß. So groß, dass es auch in Spree-Neiße eine Fortsetzung geben soll. Und so groß, dass beide für den Herbst die Herausgabe eines Buches beim SK Verlag, einem Fachverlag für Notfallmedizin, planen.

Spätestens seit den Terroranschlägen von München und Berlin ist das Informationsbedürfnis gestiegen, was im Falle eines Attentats zu tun ist. Wie Helfer nicht selbst zu Zielscheiben werden. In Bayern wurde bereits diskutiert, ob Mitarbeiter der Rettungsdienste mit Schutzwesten ausgestattet werden sollten. Es sind auch Ereignisse wie der Angriff auf eine Notärztin und drei Rettungssanitäter 2015 in Bayreuth, die verunsichern. Alle vier wurden durch Messerstiche eines psychisch kranken Täters schwer verletzt. Eine Schutzweste, so macht Mario Pröhl deutlich, hilft wenig bei einem Täter, der mit einem Messer den Hals attackiert. Er hat zwei Schutzwesten zur Ansicht mitgebracht. In Bayern wird darauf verzichtet, weil sie eine trügerische Sicherheit vermitteln könnten.

Das Seminar in Forst setzt einen Schritt vorher an. Ziel sei "die Schulung der Risikowahrnehmung und daraus resultierend die Fähigkeit, richtige Entscheidungen für den Eigenschutz zu treffen und praktisch umzusetzen", sagen die Macher. Und so wird in verschiedenen Szenarien gezeigt, worauf die Rettungsdienstler achten sollten, wenn sie ein Haus oder einen Raum betreten, wenn sie "ein komisches Bauchgefühl" haben oder es noch ärger wird. Zum Beispiel, wenn ein vermeintlich Bewusstloser mit der Waffe in der Hand am Boden liegt oder eine Granate unter sich verbirgt. "Das ist Krieg. Dann möchte ich die Arbeit nicht mehr machen", sagt ein Sanitäter. Mit der Wirklichkeit habe dies nichts zu tun.

Oder nur noch nicht? Die Diskussion um Attacken auf Polizisten und Helfer, die Anschläge der zurückliegenden Jahre, eine verspürt zunehmende Aggressivität haben ihre Wirkung hinterlassen. Die Hemmschwelle zur Gewalt sei gesunken. Diese Aussage bleibt in der Analyse Pröhls nach dem letzten Szenario unwidersprochen. Da lag ein Angeschossener auf dem Balkon, keine Polizei vor Ort, der Schütze könnte noch irgendwo sein. Später wird den zivilen Rettern mit Fotos gezeigt, wie ein Scharfschütze mehrere Soldaten ausschaltet, die einem Kameraden helfen wollen.

Was hat das mit der Wirklichkeit in der Lausitz zu tun? Nun, da gebe es ja die Autobahn Berlin - Breslau, als "Transitroute für Drogen, Waffen und alles Mögliche", wie Pröhl sagt. Er macht kein Hehl daraus, dass er die Ausgaben für die innere Sicherheit als zu gering ansieht. Von den Sanitätern weiß er, wie viel Landespolizei in der Regel in der Spree-Neiße-Region unterwegs ist, dass die Sanitäter manchmal vor den Polizisten an einem Einsatzort ankommen. Er will sie davor warnen, zu sorglos in Räume zu gehen, ein Opfer ihres "ungebremsten Helfersyndroms" zu werden.

Mit einem anderen Szenario können die Rettungsdienstler mehr anfangen: In einem Mehrbettzimmer des Schulungszentrums für Feuerwehren wird ein Einsatz simuliert, wie er in einer Obdachlosenunterkunft genauso wie in einem Asylbewerberheim oder auch einer Wohnung passieren könnte: ein Notruf mit vagem oder schlecht verständlichem Inhalt, eine unklare Lage oder im schlechtesten Fall eine aufgeheizte Stimmung. Pröhl gibt Tipps, wie sich wer aufstellen und dafür sorgen könnte, dass die Stimmung nicht eskaliert. Und ab welcher Grenze die eigene Sicherheit vorgehen sollte. Da der Soldat außer Dienst, auf der anderen Seite die zivilen Rettungskräfte. "Wir arbeiten immer am Patienten im Team", sagt Thomas Butzek, der mit einer Kollegin in diesem Fall die Rettungskräfte darstellt. Der "Buddy" als Partner - für den Soldaten ist das das Zweiergespann, das sich gegenseitig deckt. Für den Rettungssanitäter in Forst ist es eher der Kollege, der bei der Versorgung des Patienten hilft.

Aggressive Angetrunkene oder Drogenabhängige, soziale Brennpunkte, gehören eher zur Arbeit der Lausitzer Rettungskräfte. Bestimmte Momente, Umstände oder Gegenden, bei denen "das Bauchgefühl komisch" wird. Ob man das Gelernte täglich braucht, wagt Sanitäter Butzek zu bezweifeln. Aber wenn er das nächste Mal in eine seltsame Situation gerate, werde er wohl an den einen oder anderen Hinweis denken.

Zum Thema:
Falck ist ein dänisches Unternehmen, das dort den überwiegenden Teil der Rettungsdienste wahrnimmt, aber sich auch als Dienstleister für Feuerwehraufgaben in Kommunen und für Industrieunternehmen anbietet. Seit 2010 ist Falck in Deutschland aktiv, hat nach einer Ausschreibung 2013 im Spree-Neiße-Kreis den Rettungsdienst übertragen bekommen.