Das Zählwerk zeigt bei "Stoppt TTIP" 842 666 Unterschriften und bei "Glyphosat muss vom Tisch" 611 935. Das ist mehr als jede Volkspartei Mitglieder hat. 17 Kampagnen hat "Campact" gerade parallel am Laufen, die Internetseite zeigt jeweils den aktuellsten Stand.

50 Mitarbeiter bedienen diese Maschinerie aus einem unscheinbaren Klinkerbau in Verden bei Bremen heraus. Ausgerechnet Artilleriestraße lautet die Adresse des Vereins, der der etablierten Politik mächtig zusetzt.

Jeder kann sich eintragen

Die Berufe hier heißen Campaigner, Organizer und Fundraiser. Und das wichtigste Handwerkszeug ist der Verteiler. Auf ihm stehen 1,8 Millionen Unterstützer. Jeder kann sich eintragen. Eine Auswahl von 5000 wird vor jeder Kampagne gefragt, ob sie das Anliegen unterstützen würden. Wenn es dabei kein klares Bild gibt, lässt man es bleiben.

Jörg Haas, Pressesprecher, sagt: "Campact lebt von der Aktivität vieler Menschen. Wenn die nicht mitmachen, hat es keinen Zweck." Es gibt eine gemeinsame vage Richtung. "Campact" nennt sich "Bürgerbewegung für eine progressive Politik". Ökologie, fairer Handel, sowas geht immer.

Nicht alles geht

Aber schon bei der Flüchtlingsfrage wird es schwieriger. Eine Kampagne, die Seenotrettungsaktion Mare Nostrum vor der italienischen Küste fortzusetzen, fiel im vergangenen Jahr fast durch. Und das Thema "Sichere Herkunftsländer" fasst man gar nicht erst an. Zu verteilt sind hier auch im linken Spektrum die Meinungen.

Mitmachen ist bei "Campact" ganz einfach. Ein Klick, und schon hat man sich beteiligt. Zu neuen Kampagnen erscheint ein Button "Fünf-Minuten-Info" auf der Website. Kaum hatte Bayer Ende Mai verkündet, dass es Monsanto schlucken will, war die Aktion "Monster-Konzern verhindern" schon gestartet; nach zwei Wochen hatten das schon mehr als 150 000 gezeichnet, zurzeit liegt man bei 230 000.

Pressesprecher Haas räumt ein, dass so eine Aktionsplattform gegenüber Parteien einen klaren Startvorteil hat. Die Unterstützer können sich herauspicken, was sie gut finden und alles andere ignorieren. "Bei Parteien hat man immer das ganze Paket." Parteien brauchen Gremien, Untergliederungen, Delegiertenwahlen. Das alles entfällt bei "Campact". Auch die Frauenquote.

An der Spitze des Unternehmens stehen drei Männer, alle um die 45, die zusammen in Bremen studiert haben. Deswegen der Standort Verden. Christoph Bautz, Günter Metzges und Felix Kolb. Alle drei waren im Umfeld der globalisierungskritischen Organisation "Attac" aktiv. Die Vorschläge für Aktionen kommen aus dem Kreis der Mitarbeiter, die sich immer montags und dienstags in Verden treffen, und ansonsten online von zu Hause aus arbeiten. Aber gegen den Willen der drei Gründer gibt es keine Kampagne.

Themen mit echten Chancen

Gern nimmt man Themen, wo man noch Chancen zur Durchsetzung sieht, etwa weil sich in Berlin die Koalitionspartner nicht einig sind oder es im Bundesrat Widerstand gibt. 50 000 Mitglieder sind Förderer, die derzeit 6,4 Millionen Euro pro Jahr aufbringen. Das und ein paar Spenden deckten die Kosten. Haas bestreitet energisch, dass man "Campact"-Aktionen kaufen kann. Und ebenso, dass man in irgendeiner Weise mit Parteien kooperiere.

Im Frühsommer gab es Aktionen gegen die Südwest-Grünen, weil die aus der Anti-TTIP-Front auszuscheren drohten. Die SPD hatte man sich schon vor ihrem letzten Parteitag vorgenommen. Aktivisten besuchten damals die Delegierten in ihren Regionalbüros und stellten sie zur Rede.

"Campact" belässt es nicht bei einem einfachen Internet-Voting. Das ist bei Plattformen wie "open petition", wo es keinerlei Vorgabe gibt, anders. Die Mitarbeiter der Verdener Zentrale erarbeiten zusätzliche Argumentationshilfen und machen Vorschläge für lokale Kampagnen, die sie auch koordinieren. Wenn es sein muss auch mal eine Großdemonstration.

Jeder, der eine Petition mit seinem Klick unterstützt, soll aktiviert werden, noch mehr zu machen. Vor der letzten Europawahl wurden 6,5 Millionen Türanhänger zu TTIP hergestellt und von 14 000 Aktivisten in der ganzen Republik verteilt. Das Freihandelsabkommen mit Kanada, Ceta, wollen, von "Campact" koordiniert, mehr als 100 000 Menschen jetzt per Massenklage zu Fall bringen. Die Organisation will die Parteien nicht ersetzen, sondern ein Korrektiv sein, sagt Haas. "Der politische Meinungsbildungsprozess hat zu Recht in den Parlamenten seinen Ort."

Grundsätzlich kann jeder die Aktionsformen von "Campact" kopieren. "Was wir machen, ist kein Hexenwerk." Auch die Rechten könnten es, und sie fordern ja schon Volksentscheide gegen Europa, gegen Flüchtlinge oder gar für die Todesstrafe. Haas ist sich dessen bewusst, sieht aber keine Gefahr. "Wir werden, wo nötig, auch dagegenhalten."

Sieben Serienteile sind bereits erschienen - zum Nachlesen: www.lr-online.de/volksparteien