"Das ist schon komisch mit so einer Ehrung", sagt die Rentnerin. "Auf der einen Seite ist so ein Dankeschön natürlich wirklich prima. Aber im Grunde hab' ich's doch gar nicht verdient. Gibt doch bestimmt viele, die mehr machen als ich?" Aber egal, sie freut sich trotzdem auf die Fahrt in die Staatskanzlei, war extra beim Friseur und macht sich hübsch und überhaupt, "den Platzeck, den kann ich ja ganz gut leiden, da kann man sich ja ruhig mal treffen."

Sonst aber macht die gelernte Sekretärin nicht viel Aufhebens von ihrer Auszeichnung, wie sie überhaupt den ehrenamtlichen Besuchsdienst nicht als großes Opfer beschrieben haben möchte. "Das ist alles ein Geben und Nehmen, wenn ich von meinen Besuchen zurückkomme, entwickle ich solche Glücksgefühle, das bereichert meinen Alltag unheimlich."

Christina Rieck ist eine Frau, die voller Energie steckt. Als sie nach der Wende in die Arbeitslosigkeit rutschte, wehrte sie sich nach Kräften gegen ihr Schicksal. Nahm jede Fortbildung, die sie kriegen konnte - und engagierte sich in einer Selbsthilfegruppe von arbeitslosen Frauen. "Wir trafen uns regelmäßig, halfen uns mit Tipps und sorgten dafür, dass keine von uns in Depressionen verfiel."

Die Treffen gefielen der Luckauerin so gut, dass sie der Gruppe treu blieb, obwohl sie nach einigen Jahren wieder einen Job bekam. "Ich hatte eine Umschulung zur Altenpflegerin gemacht, war zum Praktikum hier im Krankenhaus und bekam dann meine Chance in einem Pflegeheim in Dahme", erzählt sie voller Stolz. "Die Arbeit hat mich so ausgefüllt, dass ich mich nur geärgert habe, warum ich nicht schon viel, viel früher auf die Idee gekommen war, meine soziale Ader auch beruflich auszuleben."

Fünf Jahre konnte sie noch in ihrem neuen Beruf arbeiten, dann entschied sie sich schweren Herzens, in Rente zu gehen. "Der Rücken machte mir einen Strich durch die Rechnung, immer die schweren Menschen zu heben, ging auf Dauer nicht mehr." Aber Christina Rieck war klar, dass sie auch weiterhin im sozialen Bereich aktiv sein wollte. Und da kam ihre alte Selbsthilfegruppe ins Spiel. Aus der heraus hatte sich inzwischen die örtliche Freiwilligen-Agentur gebildet, in der heute rund 50 Ehrenamtler engagiert sind.

Die frühere Altenpflegerin entschied sich, einen Besuchsdienst im örtlichen Krankenhaus zu etablieren. "Von meiner eigenen Mutter und meiner Schwiegermutter weiß ich, wie groß gerade im Alter das Bedürfnis nach Nähe und Gesprächen ist. Und wenn dann keiner kommt, gerade wenn man krank ist, das zerreißt einem doch das Herz."

So macht sie sich jetzt ein- bis zweimal die Woche auf den Weg und besucht wildfremde Menschen. Manchmal sind ihnen alle Angehörigen weggestorben, oft aber auch gibt es Familienstreitigkeiten, die Kontakte verhindern. Dann springe ich ein, höre zu, halte auch einfach mal eine Hand oder erzähle Alltagsgeschichten."

Einfach sei diese Arbeit nicht, oft fingen die schwer kranken Patienten an zu weinen oder würden mehr Nähe einfordern, als Christina Rieck ihnen geben kann. Und auch den Tod der Kranken zu verkraften, sei oft sehr schwer. "Aber ich habe mit den Jahren gelernt, das Leid nicht zu dicht an mich heranzulassen", sagt die Luckauerin. "Ich kümmere mich in meiner Freizeit gut um meine Seele. Bin viel in unserem schönen Garten, male oder bastele und treibe Sport." Von ihrer eigenen Familie wird sie unterstützt im Ehrenamt. Die Kinder finden den "Nebenjob" der Mutter prima, der Ehemann will sich selbst eine ehrenamtliche Aufgabe suchen, sobald er in Rente geht. Und eines hat wohl die ganze Familie durch die Erfahrungen im Krankenhaus gelernt: "Niemals einen Streit so groß werden zu lassen, dass er die Beziehungen untereinander zerstört. Wenn es bei uns Konflikte gibt, dann kommen sie auf den Tisch und werden ausgeräumt. Damit niemand von uns im Alter irgendwo einsam vor sich hin vegetieren muss."