Es war ein Mittwoch im September 2010. Kurz vor Geschäftsschluss kam ein junger Mann in die Apotheke von Waltraud G. im Cottbuser Norden. Er wollte eine Packung Rohypnol. Der Mann sagte, dass er kein Rezept habe, aber Geld und schob 20 Euro über den Ladentisch. Waltraud G. gab ihm die gewünschten Tabletten.
"Ich habe noch zu ihm gesagt, kommen sie aber nie wieder", erzählt sie am Mittwoch vor dem Landgericht Cottbus. Sie habe damals schon ein komisches Gefühl gehabt, weil der Mann beim Hinausgehen gegrinst habe. Aber das Geld auf dem Tisch war offenbar zu verlockend: "Ich konnte nicht widerstehen."

Der unbekannte Käufer kam auch nicht wieder. Sein Besuch war ein Test im Auftrag der Polizei. Die durchsuchte wenige Tage später die Apotheke, die kurz darauf geschlossen wurde.

Gefährliches Medikament

Jetzt sitzt Waltraud G. als Angeklagte vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichtes Cottbus. Sie ist 53 Jahre alt. Ob sie jemals in ihren Beruf zurückkehren kann, ist fraglich. Ihre Zulassung ruht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, vom August 2009 bis September 2010 in ihrer Apotheke mit 167 einzelnen Taten weit über 1000 Packungen Rohypnol ohne ein dafür nötiges Rezept an Rauschgiftsüchtige verkauft und damit erheblich gegen das Betäubungsmittelgesetz verstoßen zu haben.

Rohypnol ist ein sehr selten verschriebenes Beruhigungs- und Schlafmittel, das schnell zur Abhängigkeit führen kann. Unter Rauschgiftsüchtigen erfreut sich das Präparat jedoch großer Beliebtheit, denn es kann als Ersatz oder Ergänzung zu Heroin konsumiert werden. Nach dem Genuss von Aufputschmitteln setzen Süchtige Rohypnol ein, um wieder "herunterzukommen".

Bewährung gegen Geständnis

Waltraud G. will offenbar vor Gericht reinen Tisch machen, um ihr Leben wieder zu ordnen. Schon vor der Verlesung der Anklage hatte ihr Anwalt Guido Schmidt das "Rechtsgespräch" mit dem Gericht gesucht. Dahinter verbergen sich Absprachen, die zulässig und sogar gesetzlich geregelt sind.

Für ein umfassendes Geständnis kann das Gericht bei Zustimmung der Anklagebehörde eine Verurteilung auf Bewährung zusagen, wenn die Schwere des Tatvorwurfes das zulässt. Wer mit einer Haftstrafe nicht wesentlich über zwei Jahren, der üblichen Grenze für eine Aussetzung zur Bewährung, rechnen muss, kann sich dadurch den Aufenthalt hinter Gittern ersparen.

Waltraud G. macht davon Gebrauch, nachdem das Gericht ihr mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft ein Urteil zwischen mindestens einem Jahr und sechs Monaten und höchstens zwei Jahren auf Bewährung in Aussicht gestellt hat.

Anfangs lässt sie ihren Anwalt für sich sprechen. Der räumt zunächst die Vorwürfe der Anklage als zutreffend ein. Dann schildert er, dass das Leben von Waltraud G. 2002 aus den Fugen geriet, als ihre Ehe scheiterte und ihr Mann sie verließ. Seitdem habe seine Mandantin ein Alkoholproblem. "Inzwischen macht sie eine Therapie", so ihr Rechtsbeistand.

Als es um den illegalen Verkauf von Rohypnol in der Apotheke von Waltraud G. ging, habe diese aber fast täglich getrunken. "Die Alkoholisierung hat ihr sicher den Blick vernebelt, aber sie hätte natürlich anders handeln können", so Schmidt. Seine Mandantin habe sich von den Süchtigen "bequatschen" lassen. Manche hätten sie auch bedrängt.

Es gab Hauptabnehmer, die regelmäßig kamen, um sich die Suchtpillen zu verschaffen, und es gab Gelegenheitskäufer wie den jungen Mann, der sich als Scheinkäufer der Polizei entpuppte.

Ohne Rezept ging die Packung Rohypnol meist für 20 Euro über den Tisch, fast sieben Euro mehr als der reguläre Preis. Manchmal seien auch noch ein paar Spritzen und Kanülen dabei gewesen, erzählt die gescheiterte Apothekerin vor Gericht.

Spritzen als Zugabe

Das große Geld scheint Waltraud G. jedoch mit dem illegalen Pillenhandel nicht gemacht zu haben. Namenslisten, die ihr der Vorsitzende Richter Frank Schollbach vorhält, zeigen, dass bei dem Rohypnol-Deal für Stammkunden auch angeschrieben wurde, weil die Junkies oft kein Geld hatten.

Manchmal ließen sie ein Pfand für die offene Rechnung zurück. "Ich habe deshalb heute noch einen ganzen Sack voll Handys", sagt Waltraud G., die irgendwann auch dadurch auffiel, dass sie an manchem Tag beim Pharmaziehandel so viel Rohypnol bestellte wie andere Lausitzer Apotheken in einem halben Jahr.

Spur der Heroinsüchtigen

Der Polizei war Waltraud G. schon durch Anzeigen wegen ihrer Trunkenheit aufgefallen. Drogenfahnder beobachteten 2010 dann, dass sich die Cottbuser Drogenszene plötzlich an den Nordrand von Cottbus in die Nähe ihrer Apotheke verlagerte. Das schilderte ein Beamter als Zeuge vor Gericht. Der Testkauf des Rohypnols belegte dann, dass der Umzug der Szene nach Norden kein Zufall war.

Bei der Vernehmung von Rauschgiftsüchtigen, so der Polizist im Zeugenstand, hätten mehr als ein Dutzend von ihnen bestätigt, dass die Apotheke als Rohypnol-Quelle in der Szene bekannt war. Auch aus anderen Städten der Lausitz kamen Abhängige dorthin, um an das begehrte Medikament zu kommen.

Durch das Geständnis von Waltraud G. kann der Prozess gegen sie deutlich schneller beendet werden als anfangs geplant. Zahlreiche Zeugen müssen nicht gehört werden. Schon am zweiten Verhandlungstag, am kommenden Freitag, wird das Urteil gesprochen. Eine Bewährungsstrafe.