Mit einem dunkelgrauen Opel Zafira sind am gestrigen Freitagmorgen gegen 0.30 Uhr 52 Jahre Bochumer Industriegeschichte zu Ende gegangen. Der Familienvan war der letzte Wagen auf der Produktionslinie des Opel-Werkes im Ruhrgebiet - danach werden die Anlagen demontiert und teils nach Rüsselsheim gebracht, verkauft oder verschrottet. Der Autobauer, der seit Jahren unter Überkapazitäten leidet und 2016 endlich wieder schwarze Zahlen schreiben will, schließt sein Bochumer Werk - ein gravierender Einschnitt für die Region, aber auch für Opel.

Letzte Versammlung geplant

"Das Herz von Opel hat aufgehört zu schlagen", sagte ein langjähriger Beschäftigter. Die Firmenzentrale in Rüsselsheim als Gehirn, aber Bochum als Herz - so sehen es die Bochumer Opelaner. Jetzt ist für Montag nur noch eine letzte Betriebsversammlung im Werk geplant. Am nächsten Freitag geben die meisten Opelaner Werkskleidung und Ausweis ab, berichtet der Betriebsrat.

Mehr als 20 000 Menschen haben in der Ruhrgebietsstadt einst Opel-Fahrzeuge montiert. Kadett und Manta, Astra und später der Familienwagen Zafira - die millionenfach verkauften Wagen sind Teil der Mobilisierung Deutschlands.

700 Arbeitsplätze bleiben - garantiert zunächst bis 2020 - in Bochum im zentralen Ersatzteillager von Opel. Das Lager läuft aber nicht mehr unter dem Opel-Logo, sondern wird vom Partnerunternehmen Neovia betrieben. Rund 2700 Menschen landen in der Transfergesellschaft.

Mit der Werkschließung endet ein einstiges Vorzeigeprojekt des Strukturwandels an der Ruhr. Das Werk war auf früherem Bergbaugelände errichtet worden, als im Revier das Zechensterben begann. Es beschäftigte nach der Eröffnung 1962 aus dem Stand rund 10 000 Menschen - viele davon arbeitslos gewordene Kumpel.

Mit erfolgreichen Automodellen wie Kadett und Manta wuchs die Mitarbeiterzahl schnell auf rund 20 000. Qualitätsmängel, Fehler in der Modellpolitik und die immer schärfere Konkurrenz ließen seit den 90er-Jahren aber den Opel-Marktanteil in Deutschland und damit die Bochumer Beschäftigtenzahlen zusammenschmelzen.

Spätestens seit 2004, als Opel die Motorenproduktion in Bochum beendete, begann der Überlebenskampf. Die Mitarbeiterzahl lag damals wieder bei den rund 10 000 vom Beginn und schrumpfte weiter. 2009 entging Opel nur um ein Haar der Insolvenz. Damals ahnten wohl viele, dass das Bochumer Werk keine Zukunft mehr haben würde.

Ein Sanierungstarifvertrag sollte die Schließung der Bochumer Produktion mit - aus heutiger Sicht - relativ großzügigen Angeboten wie der Fortsetzung der Produktion bis 2016 abfedern. Aber die Bochumer Beschäftigten trauten ihrer Konzernführung nicht. Sie lehnten den Vertrag als einziges deutsches Werk im Frühjahr 2013 mit großer Mehrheit ab.

Die Werkschließung konnten sie damit nicht verhindern. Mit dem Ende der Autoproduktion soll das riesige Werksgelände in innenstadtnaher Lage aber nicht zur Industrieruine werden wie so viele andere Anlagen an der Ruhr. Die neue Entwicklungsgesellschaft "Perspektive 2022" will zunächst rund 70 Hektar Werksgelände aufbereiten und neuen Investoren anbieten.

Post plant Paketzentrum

Vieles wird abgerissen. Die Arbeitsplätze der Zukunft entstünden danach nicht mehr in einem großen, sondern in einer bunten Palette von 50, 70 oder 100 kleineren Unternehmen, sagt "Perspektive"-Geschäftsführer Rolf Heyer. Geworben werde vor allem um Gewerbebetriebe mit Metallbezug, aber auch IT-Firmen seien denkbar. Die Post hat bereits angekündigt, 2016 ein Paketzentrum mit bis zu 600 Tarifarbeitsplätzen zu errichten.

Ein Zeugnis der einst blühenden Autofabrik könnte dauerhaft stehenbleiben: Das tausendfach fotografierte Bochumer Opel-Verwaltungsgebäude am Werk I mit dem gewaltigen Opel-Schriftzug auf dem Dach ist vor Kurzem vom zuständigen Landschaftsverband vorläufig unter Denkmalschutz gestellt worden.